Rückbau des AKW Biblis: Keinesfalls harmlos oder ungefährlich

Brillengestelle, Essbestecke, Kaffeekanne: Der BUND warnt aktuell vor den Gefahren beim Abriss der Meiler von Biblis. Bei der aktuellen Strahlenschutzverordnung gelange zu schnell Material in den Stoffkreislauf zurück, welches noch gesundheitliche Risiken mit sich bringt.

Euer Müll - Euer Problem, Sonntag 8.9.2013 AKW Biblis; Bild: A.K.W.Ende Bergstrasse

Euer Müll - Euer Problem, Sonntag 8.9.2013 AKW Biblis; Bild: A.K.W.Ende Bergstrasse

Die Kaffeekanne auf dem Frühstückstisch, die Zahnspange der Tochter, die Karosserie des Autos, der Schotter auf dem Sportplatz – all diese Gegenstände könnten künftig aus dem abgewrackten Atomkraftwerk Biblis stammen. Ein großer Teil des Abbruchmaterials werde als so harmlos radioaktiv eingestuft, dass er zum Recycling freigegeben werden soll, warnt der Bund Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen in einer Stellungnahme an das hessische Umweltministerium. Der Energiekonzerns RWE hat den Abriss der beiden Blöcke beantragt, die Unterlagen sind seit Mai öffentlich, jeder Bürger hatte bis Anfang Juli die Möglichkeit für Einwände. Ein Erörterungstermin der Kritikpunkte ist für Herbst geplant.

  • Die Angaben in den RWE-Anträgen seien „teilweise widersprüchlich und schwammig“, die Strahlenschutzverordnung aus dem Jahr 2000 biete der Bevölkerung „nicht den bestmöglichen Schutz“, kritisiert der BUND. Rund 55.000 Tonnen des Abbruch-Materials seien für eine Wiederverwendung als Baustoff oder Gebrauchsgegenstand vorgesehen, warnt Physiker und BUND-Experte Werner Neumann. Das sei „besonders kritisch“.

Die Strahlenschutzverordnung sieht vor, dass bei der Freigabe des Materials durch die vereinbarten Grenzwerte „maximal zehn bis 1.000 Krebstote jährlich hingenommen werden“, zitiert BUND-Experte Werner Neumann aus dem RWE-Konzept. Aktuelle Studien hätten jedoch gezeigt, dass die Gefahr weitaus größer sei: Das Krebsrisiko wurde um bis zum 1000-fachen systematisch unterschätzt. Deshalb müsse die Bundesregierung nun die Grenzwerte für die Freigabe leicht radioaktiven Materials zum Recycling um das 1000-fache absenken.

Der Hintergrund für diese Praxis, die „Freimessen“ genannt wird und das schwach radiaoktive Material aus der Aufsicht des Atomgesetzes entlässt, ist die kostengünstige Entsorgung von hundertausend Tonnen Bauschutt und anderen Abrissabfällen. Jüngst standen LKW-Ladungen aus dem AKW Stade in der Kritik, die auf einer Deponie in Sachsen verklappt werden sollen.

Der Experte Neumann kritisiert aber auch noch andere Punkte des Rückbaukonzepts: In den beiden Blöcken noch rund 800 Brennelemente, davon einige hundert in offenen Becken, die ständig gekühlt werden müssen. Dafür müssen die Notstromversorgung und die Kühlpumpen immer funktionieren. Besonders in dem Bereich war es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Störungen gekommen. Kommt es zum Totalausfall könnten die Brennelemente in den Becken schmelzen und eine immense Freisetzung von Radioaktivität erfolgen.

„Ein Abbau eines AKW ist nicht harmlos“, resümiert Neumann. Er sei „alles andere als ungefährlich“.

Atomkraftgegner haben für morgen abend eine Infoveranstaltung in Biblis organisiert: „Rückbau für lau?“ fragen sie. Es handle sich um einen „Eingriff in ein geschlossenes System“, meint Ingo Hoppe von der Bürgerinitiative AK.W.Ende Biblis und fragt: „Was passiert bei dessen Zerstörung?“ Seiner Meinung nach sind noch viele Fragen zu klären. Eine davon ist, wie viel und welche Art radioaktiver Müll beim Rückbau der beiden Bibliser Meiler überhaupt anfällt.

  • Schadenersatz für RWE: Die Biblis-Stilllegung war erforderlich!
    26. August 2014 – Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) hat die Schadenersatzklage seitens des Energiekonzerns RWE gegen den Bund und das Land Hessen scharf kritisiert. Der BBU ist der Auffassung, dass dem RWE-Konzern kein Schadenersatz für die Stilllegung der Atomkraftwerke Biblis A und B zusteht.
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    12. August 2014 – Niedersachsen will schwach radioaktiven Bauschutt aus dem Rückbau des Atomkraftwerks Stade nicht mehr im eigenen Land entsorgen. Nach Bürgerprotesten musste die Einlagerung auf einer Müllkippe bei Schneverdingen gestoppt werden. Nun lässt Betreiber EON die radiaokltiven Hinterlassenschaften nach Sachsen bringen. Atomkraftgegner kritisieren diese Praxis, denn der Atommüll wird “freigemessen” und muss dann nicht mehr kontrolliert werden.
  • “Kernkraftwerke sind nicht für den Rückbau gebaut”
    31. Januar 2013 – Eine interessante Einsicht bekommt ein Reporter der Schweizer Webseite “swiss.ch” beim Besuch des deutschen Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich, das nur ein Jahr in Betrieb gewesen ist und dann wegen ungeklärter Risiken stillgelegt werden musste. Seit 2004 läuft der “Rückbau” – doch von außen ist nichts davon zu sehen. “Kernkraftwerke sind nicht für den Rückbau gebaut”, meint ein beteiligter Ingenieur.
  • Studie: Zu wenig Zwischenlager und viele ungelöste Probleme beim Abriss von AKW
    5. Dezember 2013 – Abschaltung, Stilllegung und Abriss der insgesamt 19 Atomkraftwerke in Deutschland machen Probleme. Es entsteht dabei soviel Atommüll, das bestehende Zwischenlager erweitert werden müssen. Und es gibt noch mehr Probleme. Die Studie wurde gestern von der baden-württembergischen Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl vorgestellt.
  • “Das Zeug ist unkontrollierbar”: Rückbau-Abfälle aus AKW will niemand haben
    14. November 2013 – Der Rückbau zahlreicher Atomkraftwerke steht in Deutschland an. Nicht nur die Herausforderung von einzigartigen und neuen Projekten oder Techniken, die Jahrzehnte dauern werden, sondern auch die Entsorgung von tausenden Tonnen Abfall muss gelöst werden. Doch niemand will diese Abfälle haben, weil das Zeug “unkontrollierbar” ist, so Atomkraftgegner. Es braucht eine neue Debatte über Grenzwerte.
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    27. Juni 2012 – Biblis bekommt ein “Langzeit-Atommülllager”, möglicherweise müssen sogar weitere Zwischenlagerhallen an AKW-Standorten gebaut werden. Grund ist die verzögerte Inbetriebnahme des Endlagers Schacht Konrad, in das nach Plänen der Betreiber alle Abrissabfälle eingelagert werden sollen. Atomkraftgegner warnen: Schacht Konrad ist nicht sicher – was es braucht ist eine umfassende Atommülldebatte, keine Langzeitlager!
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    26. Januar 2012 – Alle reden von Schacht Konrad, wenn es um den Abbau von Atomkraftwerke geht, denn dabei fallen bekanntlich erhebliche Mengen schwach-radioaktiver Stoffe an. Diese sollen im ehemaligen Erzbergwerk bei Salzgitter unter die Erde gebracht werden – dessen Inbetriebnahme wegen Sicherheitsbedenken aber seit Jahren blockiert wird. Doch tatsächlich landen schon heute große Mengen radiaoktives Material “freigemessen” auf Hausmülldeponien oder in Untertagedeponien.

Quellen (Auszug): fr-online.de, bund-hessen.de, morgenweb.de; 22.9.2014

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