„Das Zeug ist unkontrollierbar“: Rückbau-Abfälle aus AKW will niemand haben

Der Rückbau zahlreicher Atomkraftwerke steht in Deutschland an. Nicht nur die Herausforderung von einzigartigen und neuen Projekten oder Techniken, die Jahrzehnte dauern werden, sondern auch die Entsorgung von tausenden Tonnen Abfall muss gelöst werden. Doch niemand will diese Abfälle haben, weil das Zeug „unkontrollierbar“ ist, so Atomkraftgegner. Es braucht eine neue Debatte über Grenzwerte.

AKW Obrigheim, Bild: Gisela Geprägs; Panoramio

AKW Obrigheim, Bild: Gisela Geprägs; Panoramio

Das Atomkraftwerk Obrigheim ist seit 2005 vom Netz. Aus der Welt ist es damit noch lange nicht, denn ganz neue Probleme fangen mit dem Rückbau des Meilers erst an: tausende Tonnen teilweise radioaktiv verseuchter Bauschutt. Um diese Mengen nicht exorbitant groß werden zu lassen, wurde die „Freimessgrenze“ erfunden, die es anhand einer Änderung der Strahlenschutzverordnung aus 2001 ermöglicht, Bauschutt mit einer radioaktiven Strahlung unterhalb eines festgelegten Grenzwertes ganz normal zu entsorgen. Damit landen die AKW-Überreste auf herkömmlichen Bauschutt- oder Hausmülldeponien.

Anwohner um das niedersächsische Schneverdingen schlugen Mitte 2011 Alarm, weil über 100 Tonnen dieses Abfalls aus dem 2003 stillgelegten AKW Stade auf die kreiseigene Deponie gebracht wurden – ohne ihr Wissen. Daraufhin wurden die Lieferungen zwar für „unbedenklich“ erklärt, aber auch erstmal eingestellt.

„Das Zeug ist unkontrollierbar“, meinen jetzt auch Kritiker um das AKW Obrigheim in Baden-Württemberg. Dort geht es um die Entsorgung von bis zu 2.400 Tonnen auf der Deponie Sansenhecken in Buchen. Laut einer Mitteilung der Abfallwirtschaftsgesellschaft des Neckar-Odenwald-Kreises (AWN) werden sowohl Bauschutt als auch Dämmmaterialien des KWO in sogenannten „Bigbags“ verpackt angeliefert. AtomkraftgegnerInnen sehen die große Gefahr, Teil eines „gewaltigen Experiments“ zu werden, dessen Auswirkungen nicht absehbar sind. Wenn erstmal Menschen krank sind, sei es zu spät. Denn ein „Zurück“ gibt es nicht: weder finden auf der Deponie Messungen statt, das Material wird nach der Anlieferung sofort in die Deponie eingebaut und mit Erde zugeschüttet.

Knackpunkt ist für die Bürgerinitiative dabei vor allem der Begriff des „freigemessenen Bauschutts“. Dieser suggeriere der Bevölkerung ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Zwar lägen die Strahlungswerte unterhalb des zulässigen Grenzwertes, eben dieser sei jedoch von der Politik festgesetzt worden und sage nichts über mögliche gesundheitliche Risiken aus.

„Ich möchte eine Antwort haben, wie sicher ,freigemessen‘ ist“, fordern besorgte Anwohner.

Experten warnen: es gibt keine „ungefährliche radioaktive Strahlung“. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) belegt das: bei radioaktiv belastetem Material gibt es keine ungefährlichen Niedrigwerte. Ein weiteres Problem ist, dass es mittel- und langfristige Erfahrungen auf dem Gebiet des Rückbaues und den daraus resultierenden Folgen für Mensch und Natur bisher nicht gibt. Damit ist eine Einschätzung der Gefahr von tausenden Tonnen schwach strahlender Abfälle, verteilt in der ganzen Republik, gar nicht einzuschätzen ist.

  • Fakt ist aber, dass es bei dem Rückbau von Atomanlagen grundsätzlich um die Reduktion der eh ausufernden Kosten geht. Damit ist der Betreiber gehalten, den möglichst günstigsten Weg zur Beseitigung der strahlenden Überreste zu suchen – und nicht den sichersten.

In Baden-Württemberg besteht der Grüne Umweltminister Franz Untersteller bislang noch darauf, dass rund 2.400 Tonnen „freigemessener Bauschutt“ aus dem Abbruch des AKW Obrigheim „absolut unbedenklich“ seien und auf der Kreismülldeponie Sansenhecken bei Buchen entsorgt werden sollen.

Atomkraftgegner fordern eine neue Debatte über die Grenzwerte, die das Freimessen nach einer Anhebung der maximal zulässigen Dosis 2001 stark vereinfacht hat. Da keine Radioaktivität als unschädlich deklariert werden kann, müssen die Grenzwerte sofort wieder stark nach unten korrigiert werden, bis eine Gefährdung der Bevölkerung definitiv ausgeschlossen werden kann.

  • ENBW plant Atommüll-Transport nach Neckarwestheim
    17. April 2013 – Es ist noch viel Platz frei im Zwischenlager Neckarwestheim, deswegen plant der Betreiber EnBW die Überführung der Brennelemente aus dem stillgelegten AKW Obrigheim in die Halle am Neckar. Atomkraftgegner halten die Transporte für überflüssig und gefährlich.
  • Wohin mit dem hochradioaktiven Atommüll aus Obrigheim?
    22. Dezember 2012 – Seit mehreren Jahren weisen Mitglieder der Initiative AtomErbe Obrigheim darauf hin, dass im AKW Obrigheim 342 abgebrannte hochradioaktive Brennelemente in einem Nasslager innerhalb der Anlage liegen und damit die Risiken beim Rückbau des Atomkraftwerks erhöhen. Dieses in den 1980er Jahren gebaute Nasslager war ursprünglich nur für die Notauslagerung der Brennelemente vorgesehen und wurde Ende der 1990er Jahre zum längerfristigen Zwischenlager umdefiniert. An allen anderen AKW-Standorten Deutschlands werden die abgebrannten Brennelemente in CASTOR-Behältern trocken gelagert.
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  • Schwachradioaktiver Atommüll landet in alten Bergwerken und auf Deponien
    26. Januar 2012 – Alle reden von Schacht Konrad, wenn es um den Abbau von Atomkraftwerke geht, denn dabei fallen bekanntlich erhebliche Mengen schwach-radioaktiver Stoffe an. Diese sollen im ehemaligen Erzbergwerk bei Salzgitter unter die Erde gebracht werden – dessen Inbetriebnahme wegen Sicherheitsbedenken aber seit Jahren blockiert wird. Doch tatsächlich landen schon heute große Mengen radiaoktives Material “freigemessen” auf Hausmülldeponien oder in Untertagedeponien.
  • Anwohner haben Angst vor AKW-Schutt
    27. Oktober 2011 – E.ON als Betreiber des Rückbaus ist stolz darauf: nur ein kleiner Teil des Abrissmaterials des Atomkraftwerks Stade muss als radioaktiver Müll entsorgt werden. Ein Großteil kann auf Hausmülldeponien entsorgt werden. Eine davon liegt bei Schneverdingen – die Anwohner schlagen Alarm, denn der Schutt ist radioaktiv.

Quellen (Auszug): morgenweb.de, rnz.de 30./31.10.2013

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