Studie: Zu wenig Zwischenlager und viele ungelöste Probleme beim Abriss von AKW

Abschaltung, Stilllegung und Abriss der insgesamt 19 Atomkraftwerke in Deutschland machen Probleme. Es entsteht dabei soviel Atommüll, das bestehende Zwischenlager erweitert werden müssen. Und es gibt noch mehr Probleme. Die Studie wurde gestern von der baden-württembergischen Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl vorgestellt.

AtommüllfässerAn vielen Standorten reichen die Kapazitäten nicht aus, resümiert der Autor des Gutachtens, der Diplom-Physiker und Atomexperte Wolfgang Neumann, der unter anderem Mitglied der Reaktorsicherheitskommission war. Unter anderem würden große Mengen schwach- und mittelradioaktiver Müll anfallen, für den die bestehenden Kapazitäten nicht ausreichen. „Dringend“ müssten die bestehenden Zwischenlager an den Standorten der Kraftwerke deshalb erweitert werden. Dies gelte auch für die zentralen Zwischenlager in Gorleben, Ahaus oder Lubmin.

Neumann plädiert dafür, den „Atommüll dort zu lagern, wo er anfällt, um unnötige Transporte durch die Bundesrepublik zu vermeiden und die Risiken für die Bevölkerung zu reduzieren“. Für Gemeinden mit Atomkraftwerken hat der Rückbau und der dabei entstehende Atommüll zur Folge, dass auf ihrem Gebiet trotz des Atomausstiegs noch mehrere Jahrzehnte bis weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts strahlender Müll gelagert werden muss.

Neben den Kapazitätsproblemen schlummern in den Meilern noch ganz andere ungelöste Aufgaben: In den acht AKW, die unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 stillgelegt wurden, befinden sich nicht vollständig abgebrannte Brennelemente, die noch spaltbares Uran enthalten. Dafür gibt es derzeit in Deutschland keine zugelassenen Behälter für eine Lagerung in einer Zwischenlagerhalle, wie es mit abgebrannten Brennstäben passiert. Deshalb könnten diese Brennelemente „auf absehbare Zeit nicht aus den Reaktoren entfernt“ werden, attestiert Neumann. Diese Situation sei hauptsächlich von den Betreiber der AKW zu verantworten, denn diese hätten sich schon längst für die Zulassung von Castor-Behältern für Brennelemente mit spaltbarem Material kümmern müssen. Solange noch Brennelemente im Reaktor sind, kann nach international üblichem Standard nicht mit Rückbau und Abriss des Kraftwerks begonnen werden.

  • RWE hat beantragt, aus ökonomischen Gründen in den beiden Meilern in Biblis schon vor der Entnahme des Kernbrennstoffs mit dem Rückbau zu beginnen. Neumann appellierte in diesem Zusammanhang an die Genehmigungsbehörden, dies aus Sicherheitsgründen zu verbieten. Die Gefahr für Störfälle sei hoch.
  • EnBW plant ein anderes Konzept: der Müll aus dem Rückbau von Neckarwestheim und Philippsburg solle an einem Ort lagern. Außerdem will EnBW auch 15 Castoren aus dem stillgelegten AKW Obrigheim nach Neckarwestheim überführen – um auf den Bau eines Lagers am Standort zu verzichten.
  • E.ON hat zum Beispiel am Standort Unterweser bereits den Bau eines neuen Zwischenlagers beantragt.
  • Vattenfall will in den kommenden Wochen Atommüll aus Krümmel wegen fehlender Kapazitäten zum AKW Brunsbüttel bringen.

Atomkraftgegner kritisieren einmal mehr die perspektivlose Entsorgung von Atommüll, die zur Zeit allein auf „Zwischenlagerung“ beruht, deren zeitliche Perspektive aber gar nicht abzuschätzen ist. Grund ist die Inbetriebnahme des Endlagers Schacht Konrad, die sich bis mindestens 2021 verzögert. Kritiker nehmen sogar an, dass der Standort wegen technischer Probleme möglicherweise aufgegeben werden muss.

Als Perspektive für die Entsorgungsmisere müssen als erster Schritt alle Atomanlagen stillgelegt werden, damit die Müllmenge nicht mit jedem Reaktorbetriebstag weiter steigt. Es braucht dann eine gesamtgesellschaftliche Debatte, wie weiter mit den strahlenden Abfällen, die heute schon in der ganzen Republik verteilt sind, umgegangen werden soll.

  • AKW Unterweser: Weiteres Atommüll-Zwischenlager wird gebaut
    24. April 2013 – Auf dem Gelände des Atomkraftwerk Unterweser soll eine neue Lagerhalle für schwach- bis mittelradioaktive Stoffe gebaut werden. Grund ist nach Aussagen des Betreibers E.ON die verzögerte Inbetriebnahme des Endlagers Schacht Konrad. Atomkraftgegner warnen vor ungewisser Langzeitlagerung und fordern ein Ende der Atommüllproduktion.
  • “Kernkraftwerke sind nicht für den Rückbau gebaut”
    31. Januar 2013 – Eine interessante Einsicht bekommt ein Reporter der Schweizer Webseite “swiss.ch” beim Besuch des deutschen Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich, das nur ein Jahr in Betrieb gewesen ist und dann wegen ungeklärter Risiken stillgelegt werden musste. Seit 2004 läuft der “Rückbau” – doch von außen ist nichts davon zu sehen. “Kernkraftwerke sind nicht für den Rückbau gebaut”, meint ein beteiligter Ingenieur.
  • Neues Atommülllager für Biblis
    17. Januar 2013 – Die Atommüll-Misere offenbart sich am Standort Biblis: die vorhandenen Kapazitäten zur Lagerung von Strahlenschrott reichen nicht aus, Betreiber RWE hat den Bau einer zweiten Halle beantragt. Wie lange der Mül dort lagert ist ungewiss, den eine Entsorgungslösung gibt es nicht. Die AKW-Betreiber versuchen unterdessen, den Druck auf Gorleben und Schacht Konrad zu erhöhen.
  • E.ON macht Druck auf Gorleben
    29. Dezember 2012 – Der Atomkonzern E.ON macht Druck auf Gorleben: Kommt das Endlager nicht, würden die atomaren Zwischenlager an den deutschen AKW-Standorten länger in Betrieb bleiben als vorgesehen. Atomkraftgegner fordern, die Produktion von neuem Müll zu verbieten.
  • Bundesrat lehnt strengere Regeln für AKW-Rückbau ab
    14. Dezember 2012 – Der Bundesrat hat einen Antrag abgelehnt, die Regeln für Rückbau von Atomkraftwerken zu verschärfen. Das Land Schleswig-Holstein hatte den Vorstoss gemacht, weil bislang abgeschaltete Anlagen für Jahrzehnte nicht rückgebaut werden müssen. Atomkraftgegner weisen auf weitere Risiken hin.
  • Frühestens ab 2017: Abriss in Neckarwestheim und Philippsburg
    27. November 2012 – Auch in Baden-Württemberg bleiben die Atomruinen erstmal stehen: frühestens in fünf Jahren soll mit dem Rückbau der Atomkraftwerke Philippsburg-1 und Neckarwestheim-1 begonnen werden. Wohin mit dem Müll weiss heute noch niemand so richtig.

Quellen (Auszug): stimme.de, mainpost.de, augsburger-allgemeine.de; 05.12.2013

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