Statusbericht: Die meisten AKW-Neubauprojekte wurden storniert, verschoben oder annulliert

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat die Situation der Atomindustrie weltweit dramatisch verändert: in zahlreichen Ländern werden Reaktoren stillgelegt und AKW-Projekte aufgegeben, schreibt Energieexperte Mycle Schneider im „World Nuclear Industry Status Report 2012“. Die Branche leidet aber nicht nur unter dem GAU, sondern auch unter der globalen Wirtschaftskrise, der Konkurrenz anderer Energiequellen, vornehmlich Gas und Erneuerbare, und eigenen Planungs- und Managementproblemen. Kurz: Die Atomenergie befindet sich im Niedergang – und Neubauten rechnen sich nicht mehr.

Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima wurden in den vergangenen 18 Monaten weltweit 21 Reaktoren stillgelegt. Im „World Nuclear Industry Status Report 2012“ wurden im Gegensatz zur internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) auch sechs Fukushima-Reaktoren, die nach ihrer Überzeugung „beinahe sicher“ niemals wieder genutzt werden. Dagegen wurden nur neun neue Reaktoren in Betrieb genommen.

Insgesamt sind derzeit noch 429 Reaktoren mit einer installierten Leistung von 364 Gigawatt am Netz. Die Atomkraftnutzung hat damit ihren Höhepunkt deutlich überschritten, so Schneider im gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. Dies gelte für die Zahl der Reaktoren. Hier sei das Maximum bereits 2002 mit 444 Reaktoren erreicht worden. Es gelte aber auch für die erzeugten Strommengen, die 2011 gut fünf Prozent unter dem historischen Rekord des Jahres 2006 gelegen hätten, und erst recht für den Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromproduktion. Er sei seit 1993 von 17 Prozent auf heute nur noch elf Prozent gefallen.

  • Die angebliche Atomrenaissance ist eine Mär: Zwar seien weltweit noch 59 Reaktoren im Bau, die Vorhaben existierten aber zum Teil seit mehr als 20 Jahren. Viele Projekte hängen immer länger hinter dem Zeitplan zurück. Ob sie je fertiggestellt werden, ist unklar.

Deutschland, Belgien, die Schweiz und Taiwan haben bereits eine Zeitplan für den Atomausstieg beschlossen. Mindestens fünf weitere Länder – Ägypten, Italien, Jordanien, Kuwait und Thailand – haben ihr Pläne für den Einstieg oder den Wiedereinstieg in die Atomenergie aufgegeben, heißt es in der Studie. Seit Rumänien (1996) hat nur der Iran ein Atomenergieprogramm gestartet. In Japan und Bulgarien wurde der Bau von zwei Reaktoren abgebrochen. Neubaupläne wurden in Brasilien, Frankreich, Indien und den USA gestrichen, in den Niederlanden, in Großbritannien und in den USA haben sich Konzerne von Neubauplänen verabschiedet. Die Zulassung von neuen Reaktortechnologien wurde vielfach hinausgeschoben. Auch der Baubeginn von neuen Reaktoren wurde verschoben, vor allem in China, aber auch in Finnland, in Armenien und in den USA. Von den weltweit 59 im Bau befindlichen Reaktoren sind mindestens 18 um Jahre hinter ihrem Fertigstellungstermin, bei den restlichen lässt sich dies nicht einschätzen. Den Rekord hält der Reaktor Watts-Bar-2 in den USA, dessen Bau 1973 gestartet ist und dessen Fertigstellung auf 2015 oder 2016 veranschlagt wird.

„Die meisten Neubauprojekte sind storniert, verschoben oder komplett annulliert worden“, fasste der Pariser Energieexperte Mycle Schneider zusammen.

Der Bau von neuen Reaktoren wird in der Regel auch sehr viel teurer als geplant. Deshalb wurden 7 von 11 Atomkonzernen von den Ratingagenturen abgestuft. Moody’s begrüßte den Aussstieg von E.On und RWE aus dem britischen Atomprogramm. Nicht nur Tepco, sondern auch fast alle anderen Konzerne haben unter teils enormen Börsenverlusten zu leiden. So verloren die Aktien der französischen Konzerne EDF und AREVA 82 bzw. 88 Prozent ihres Wertes.

Aber auch der fehlende Nachwuchs macht der Branche zu schaffen: Das Durchschnittsalter der Fachkräfte in der Atomindustrie in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Und junge Menschen interessieren sich kaum an einem Job in einem AKW.

http://www.worldnuclearreport.org/Dass die Atomreaktoren aussterben, zeigt auch das Durschnittsalter von 27 Jahren. Geht man von einer Betriebszeit von 40 Jahren aus, müssten bis 2020 zusätzlich zu den jetzt im Bau befindlichen Reaktoren 67 weitere oder 35 GW gebaut werden, alleine um den Status quo zu erhalten. Zu befürchten ist in vielen Ländern eine Verlängerung der Reaktorlaufzeit – was mit zusätzlichen Risiken und Investitionen verbunden ist. Die verschlechterte wirtschaftliche Situation vieler Reaktorbetreiber könnte sich auf die Sicherheitskultur auswirken.

  • Stand der Dinge: Atomkraft weltweit auf absteigendem Ast
    22. April 2011 – Eine anlässlich des 25. Jahrestags der Atomkatastrophe von Tschernobyl im Europäischen Parlament präsentierte Bericht zum Stand der weltweiten Atomenergie kommt zu dem Schluss, dass der Anteil von Atomkraft an der Elektrizitätsproduktion weltweit abnimmt und künftig weiter abnehmen wird. So war 2010 erstmals die weltweite Leistung erneuerbarer Energien größer als die der aktiven AKW (381 Gigawatt gegenüber 375 Gigawatt vor Fukushima).
  • Bilanz 1. Halbjahr 2012: Nur noch ein AKW Bau begonnen
    2. Juli 2012 – Weltweit hält die Zurückhaltung bei der Atomkraft an. Im ersten Halbjahr 2012 wurde nur mit dem Bau eines einzigen AKW in Russland begonnen. Zwei seit Jahrzehnten betriebene Baustellen in Bulgarien wurden endgültig eingestellt. Zwei AKW begannen den Betrieb und zwei AKW wurden endgültig abgeschaltet

http://www.business-on.de, spiegel.de, heise.de; 06.07.2012

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