„Stresstests“: Eineinhalb Jahre nach Fukushima keine neuen Erkenntnisse in Europa

Wie sicher sind Europas AKW? Nach dem Super-GAU von Fukushima sollten Sicherheitstests nach strengen Kriterien durchgeführt werden – einheitlich, umfassend, transparent. Die Ergebnisse liegen vor: Eineinhalb Jahre nach Fukushima gibt es keine neuen Erkenntnisse in Europas Atomanlagen.

„Wir wollen Stresstests, die auf den konkreten Abläufen basieren, die in Fukushima zur Katastrophe geführt haben“, hatte EU-Energiekommissar Günter Oettinger Anfang April 2011 in einem Interview mit Spiegel online gesagt. Und listete auf, was untersucht werden sollte: Kühlsysteme, Strom- und Notstromkreisläufe, Terrorgefahr, Cyberattacken auf die Computersysteme. Alles weitgehend Theorie. Heute gibt Oettinger zu, dass die Tests unzureichend waren.

Untersucht wurden Atomkraftwerke in 15 EU-Ländern. Außerdem beteiligten sich die Schweiz und die Ukraine an dem Projekt. Insgesamt standen mehr als 140 Anlagen im Fokus.

Die Grundlagen der Stresstests wurden von den AKW-Betreibern eigenständig durchgeführt. Was sie prüften und wie, blieb ihnen weitgehend überlassen. Die Einheitlichkeit blieb dabei auf der Strecke. Die Ergebnisse der Tests lassen kaum Vergleiche zwischen den verschiedenen Ländern zu. Anlagen wurden kaum und wenn nur kurz besucht.

Viele Katastrophenszenarien wurden gar nicht erst untersucht. Dazu gehören Verkettungen von Ereignissen wie in Fukushima, wo Erdbeben und Tsunami zusammentrafen. Desgleichen die Problematik von Mehrfachblockanlagen, wo der Unfall in einem Block die anderen mitgefährdet. Das Gleiche gilt für Evakuierungspläne, obwohl AKW sich teilweise nur zehn Kilometer von europäischen Großstädten entfernt befinden.

Wichtige Sicherheitskriterien wie Auslegungsdefizite und Alterung spielten beim Stresstest keine Rolle. Die Widerstandsfähigkeit der Anlagen gegen einen Terroranschlag mittels Flugzeugabsturz wurde ebenfalls ausgeklammert. Diese Diskussion findet nun in einer Adhoc-Gruppe hinter verschlossenen Türen statt.

  • Die untersuchten AKW wiesen alarmierende Defizite auf. Einige Anlagen sind nicht gegen Erdbeben oder Überflutungen ausgelegt. Die Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente bieten fast durchweg keine Sicherheit vor austretender Strahlung.

Doch die Atomindustrie sorgte sich weniger um die betroffene Bevölkerung, sondern um die Zukunft ihrer Branche. So wurde in Europa nicht die Frage gestellt, welche Reaktoren sofort abgeschaltet werden sollten, sondern wie man wieder Vertrauen in die gefährliche Technologie herstellen konnte.

„Als adäquates Mittel, um Sicherheit vorzuspielen wo keine ist, soll der europäische Stresstest dienen“, sagt der Greenpeace-Atomphysiker Heinz Smital. „Wie viel ein Stresstest wert ist, zeigt sich an den Fakten, die er aufzudecken vermag. Wenn die gefährlichsten Atomanlagen in Europa unverändert weiterlaufen, hat er seine Wirkung in Richtung Sicherheitsgewinn verfehlt. Dann wird er aber die von der Atomindustrie erhoffte Wirkung, neues Vertrauen in die Technologie aufzubauen, ebenfalls verfehlen.“


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Quelle (Auszug): greenpeace.de, 14.06.2012

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