Schweiz: Schnellabschaltung, Lecks und „Bohr-Deppen“

In den schweizer Atomkraftwerken häufen sich in den letzten Tagen die Probleme: in den Schlagzeilen vor allem das AKW Leibstadt, in dem „Bohrdeppen“ am Werk waren. Kritiker sprechen von systematischem Versagen der Atomaufsicht.

Greenpeace-Aktivisten auf dem AKW Beznau, Schweiz; Bild: Greenpeace

Greenpeace-Aktivisten auf dem AKW Beznau, Schweiz; Bild: Greenpeace

Erst am Sonntag musste das AKW Leibstadt eine Reaktorschnellabschaltung melden. Aufgrund einer Anzeige im Bereich Neutronenfluss-Messung habe sich die Anlage am Samstagmorgen um 8.29 Uhr automatisch abgeschaltet. Im Zusammenhang mit einer geplanten Lastreduktion sei es laut Betreiber zu einer fehlerhaften Umschaltung eines Reglers gekommen.

Nun das: Zwei Feuerlöscher wurden im Jahr 2008 in dem Kraftwerk von Fremdpersonal montiert. Dabei wurde das Primärcontainment – die Schutzhülle aus Stahl, die als wichtiges Sicherheitselement den Austritt von Radioaktivität verhindern soll, durchbohrt, um die Halterung der Feuerlöscher zu montieren. Die Löcher wurden erst sechs Jahre später, Ende Juni, bei einer Routinekontrolle entdeckt. „Die Bohrungen sind wanddurchdringend und stellen somit eine Beschädigung des Primärcontainments dar“, so die Schweizer Atomaufsichtsbehörde Ensi. Bis zum 18. Juli müsse eine „definitive Lösung“ für das Problem gefunden werden, sonst muss das Kraftwerk nach Ensi-Vorgaben abgeschaltet werden. Es handelt sich um ein Ereignis der Kategorie INES 1 – „Abweichung vom normalen Betrieb der Anlage“.

Beim Wiederanfahren eines weiteren schweizer AKW, in Gösgen, kam es kürzlich nach der Jahresrevision im nichtnuklearen Teil der Anlage zu einem Leck in einer Rohrleitung. Dies hatte zur Folge, dass der Neustart des Kraftwerks um eine Woche verschoben werdne musste: Das Auswechseln eines Rohrstückes des Frischdampfumleitsystems sei „aufwendiger als erwartet“, so der Betreiber am Montag.

AKW Beznau / Schweiz

AKW Beznau / Schweiz

Block 1 des ältesten Reaktors der Welt, der sich in Beznau befindet, meldete bereits Anfang Juni eine Leckage im primären Nebenkühlwassersystem. Die Anlage war ab Mitte Juni unplanmäßig zwei Wochen für Reparaturarbeiten vom Netz.

Die fünf Atomkraftwerke in der Schweiz meldeten 2013 insgesamt 34 meldepflichtige Vorkommnissen an die Aufsichtsbehörden. Alle wurden gemäss der internationalen Ereignisskala INES der untersten Stufe 0 zugeordnet. Je sieben Vorkommnisse betrafen die AKW Beznau, Gösgen und Leibstadt. Die restlichen 13 Vorkommnisse musste das AKW Mühleberg auf seine Kappe nehmen. Zu Reaktorschnellabschaltungen während des Leistungsbetriebes kam es im letzten Jahr nicht.

Nur wenige Tage vor der aktuellen Meldung aus Leibstadt stellte die Aufsichtsbehörde ENSI den Betreibern der Atomkraftwerke gute Noten aus: Die Anlagen seien „sicher betrieben“ worden. Alle befänden sich in einem „sicherheitstechnisch guten Zustand“.

Aus gutem Grund widersprechen Atomkraftgegner dieser Darstellung: Es sei „ein Verstoss gegen das Einmaleins der Sicherheit, wie wenn ein Tanklastwagenchauffeur zum Befestigen der Autonummer Löcher in die Tankwand bohrt“, meint Greenpeace Schweiz. Der Vorfall erinnere stark an Ereignisse im Jahr 2001, als AKW-Arbeiter Sicherheitsprotokolle von Rundgängen unterzeichnet hatten – ohne die Inspektionen vorgenommen zu haben. In Leibstadt habe das ENSI im Jahr 2009 in der sogenannten „Sicherheitstechnischen Stellungnahme zur Periodischen Sicherheitsüberprüfung (PSÜ)“ dem Betrieb die Voraussetzungen für einen sicheren Betrieb attestiert. Diese zentrale Sicherheitsüberprüfung – verfasst von den Betreibern selbst – erfolgte offenbar an den Schreibtischen, aber nicht im Werk. Nun gehöre nicht nur das AKW untersucht, sondern auch die Aufsichtstätigkeit des ENSI.

  • Schweiz: Ehemaliger Chef der deutschen Atom-Aufsicht fordert das AUS für Mühleberg und Beznau
    13. Februar 2014 – Die beiden ältesten Schweizer Atomkraftwerke Mühleberg und Beznau sollen unverzüglich abgeschaltet werden. Das fordert Dieter Majer, ehemaliger Leiter der Abteilung «Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen» des deutschen Bundesumweltministeriums und langjähriger Vorsitzender der Deutsch-Schweizerischen Kommission für die Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen DSK.

Quelle (Auszug): nzz.ch, srf.ch, jungewelt.de, badische-zeitung.de, greenpeace.org/switzerland

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solidaritäts-Aktion „nirgendwo“
Artikel-Archiv