Gerangel um Geld für Kernfusion

Die Bundesregierung ändert die Förderung der Kernfusion. Künftig gibt es für deutsche Unternehmen, die um Aufträge für den umstrittenen ITER-Reaktor in Frankreich buhlen, keine gesonderte Unterstützung mehr. Noch vor einem Jahr wurden die Forschungsetats für Atomprojekte erhöht. Atomkraftgegner kritisieren das Projekt mit „teuer und überflüssig!“.

Es soll eines der größten Forschungsprojekte der Welt werden – und dabei helfen, die Zukunft der Energieversorgung auf der Menschheit zu sichern. Vielleicht. Der Plan ist ambitioniert, doch seine Realisierung steht auf wackligen Füßen: Im Inneren des Forschungsreaktors „ITER“ in Südfrankreich soll eines Tages Plasma aus den Wasserstoffisotopen Deuterium und Tritium in starken Magnetfeldern eingeschlossen und auf bis zu 150 Millionen Grad erhitzt werden – und beim Prozess der Kernfusion große Mengen an Energie freisetzen. Doch die technischen Herausforderungen sind groß, die Kosten explodieren. Das Projekt, für das derzeit die Baugrube ausgehoben wird, sorgt aber immer wieder für negative Schlagzeilen: Es verzögert sich der Bau des Versuchsreaktors um „mindestens ein Jahr“. Hintergrund sind die Folgen von Erdbeben und Tsunami in Japan. Das Land liefert wichtige Teile für den Bau im südfranzösischen Cadarache. Doch im Naka Fusion Institute, nördlich von Tokio seien die Gebäude, in denen unter anderem Magneten für das Projekt erforscht werden, schwer beschädigt und gesperrt worden. Damit wurde das Iter-Projekt wieder einmal in die Zukunft hinausgeschoben.

Der ITER-Reaktor soll nach derzeitiger Planung etwa 16 Milliarden Euro kosten – ursprünglich war von 5,3 Milliarden Euro die Rede. Die Europäische Union zahlt rund 45 Prozent, die übrigen Kosten übernehmen China, Indien, Japan, Südkorea und die USA. Im deutschen Energieforschungsprogramm von 2011 bis 2014 sind 600 Millionen Euro und damit etwa 18 Prozent für die Kernfusion vorgesehen. Insgesamt trägt Deutschland über die Euratom-Verträge etwa 1,3 Milliarden. Diese Ausgaben sind nach Angaben des Bundesforschungsministeriums vom Atomausstieg völlig unabhängig und werden weitergezahlt.

Nun will die Bundesregierung auch die finanzielle Unterstützung für Unternehmen, die sich an dem Kernfusions-Versuchsreaktor beteiligen, nicht mehr gesondert fördern. Bei der sogenannten „Projektförderung“ für ITER geht es darum, Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit Sitz in Deutschland zu unterstützen, damit diese im Wettbewerb um Aufträge für den Fusionsreaktor in Frankreich erfolgreich sind. Die Bundesregierung hat dafür nach eigenen Angaben bislang 34,3 Millionen Euro ausgegeben. Die deutschen Unternehmen und Einrichtungen hätten Aufträge und Unteraufträge in geschätzter Höhe von 60 Millionen Euro erhalten. Mit den bislang bewilligten Projekten sehe das Forschungsministerium „seine Aufgabe als erfüllt an, Unternehmen für die Einwerbung von Aufträgen im Zusammenhang mit der Errichtung von ITER zu ertüchtigen“, antwortet das Ministerium auf eine Anfrage des SPD-Haushaltspolitikers Klaus Hagemann laut „klimaretter.info“. „Ab sofort werden daher keine neuen Projektanträge mehr angenommen.“ Über die Europäische Union bzw. Euratom beteiligt sich Deutschland allerdings weiterhin mit Millionenbeträgen am ITER.

2011 wurde die Atomforschung pro Jahr mit 32 Millionen Euro gefördert. Diese Summe wurde für dieses Jahr – trotz Atomausstieg – auf 35 Millionen Euro erhöht. Dazu kommen 10 Millionen Euro, die direkt in Forschungsprojekte fließen.

Atomkraftgegner kritisieren das ITER-Projekt wegen der enormen Kosten und dem ungewissen Ausgang. Zudem könnten die Reaktoren erst in einigen Jahrzehnten überhaupt für eine Stromversorgung relevant werden. Bis dahin könnten aber die Erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden – und die ITER-Technik überflüssig werden.

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Quelle (Auszug): klimaretter.info, 20.09.2012

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