Aachen: Ist die Reaktorforschung noch zeitgemäss?

Das Bundesfinanzministerium fördert mit 500.000 EUR eine Promotionsstelle am Lehrstuhl für Reaktorsicherheit und -technik der RWTH Aachen. Da diese Arbeit sich mit dem längst gescheiterten Kugelhaufenreaktor befasst, ist die Diskussion um die Sinnhaftigkeit solcher Fördermaßnahmen neu entbrannt. Reaktorforschung und auch das Kernfusionsforschungsprojekt ITER sind keine zukunftsweisenden Technologien und sie werden keinen sinnvollen Platz im Energiemix von morgen haben, meinen AtomkraftgegnerInnen und fordern eine Ende der milliardenschweren Förderung.

Oliver Krischer, Dürener Bundestagsabgeordneter der Grünen, hatte sich kritisch zu den Fördermaßnahmen des Bundesfinanzministeriums geäußert und erntete daraufhin die geballte Wut der Wissenschaftsgemeinde. So teilte beispielsweise der AStA der RWTH Aachen gegenüber den Aachener Nachrichten vom 2. August mit, dass er „die politische Einflussnahme in Forschungsvorhaben“ ablehne und betonte die Freiheit von Forschung und Lehre. AtomkraftgegnerInnen weisen darauf hin, dass dabei völlig übersehen wird, wie stark die Forschung durch Drittmittel beeinflusst wird. Auch wenn man nicht einmal so weit geht anzunehmen, dass die Forschung im Sinne des Auftraggebers ausfällt, so sei doch allein schon die Förderung bestimmter Forschung Manipulation.

„RWE und ThyssenKrupp machen ihren Einfluss auf die Atomlehrstühle von RWTH und dem Forschungszentrum Jülich seit 2006 mit allein mindestens 3,5 Mio. EUR geltend“, so das Aktionsbündnis gegen Atomenergie Aachen. „Darüber hinaus stellen sich Zweifel an einer neutral wissenschaftlichen Arbeit des Lehrstuhls für Reaktorsicherheit und -technik, weil in der Presse immer wieder einseitige Äußerungen des Lehrstuhlinhabers Prof. Hans-Josef Allelein auftauchen, die inhaltlich kaum haltbar sind.“

Dies wird im folgenden an drei Beispielen seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima verdeutlicht:

  • Am 31. März 2011 sagte Hans-Josef Allelein im Interview – Ich sehe das Risiko bei Tihange nicht – „Für mögliche Überflutungen hat man Vorkehrungen getroffen und die Anlage leicht erhöht gebaut. Da hat man aus heutiger Sicht Eventualitäten sicherlich angemessen berücksichtigt.“

Der belgische Stresstest kommt hier allerdings zu einem anderen Urteil, wie der Artikel „Tihange: Mängel beim Stresstest“ vom 11. November 2011 in den Aachener Nachrichten berichtet. Hier wird insbesondere fehlender Hochwasserschutz bemängelt!

  • Weiter führt Allelein in diesem Artikel an „Zur Beruhigung muss man aber auch sehen: Fukushima ist für ein Erdbeben der Stärke 8,2 ausgelegt. Das aktuelle Erdbeben lag bei knapp 9,0. Also etwa dem Achtfachen dessen, wofür es ausgelegt war. Dennoch kam es nicht zu erdbebenbedingten Schäden.“

Auch diese Aussage ist falsch! Zum einen war zum Zeitpunkt des Interviews das Havariegeschehen noch gar nicht bekannt, zum anderen kommt der japanische Untersuchungsbericht zu einem gänzlich anderen Urteil: „Zudem griff die Kommission den letzten Mythos von Japans Atomindustrie an, dass die Kraftwerke zumindest erdbebensicher seien. Tepco habe „zu schnell“ geurteilt, dass allein der Tsunami das Unglück verursacht habe, heißt es in dem Bericht. Einige Schäden in Reaktor 1 seien durch das Erdbeben bedingt. Kühlflüssigkeit sei ausgetreten, ein Sicherheitsventil habe nicht funktioniert.“ (taz vom 6. Juli 2012)

  • Auch im Interview vom 1. November 2011 schreibt Prof. Allelein im Artikel – Belgien wird gnadenlos importieren – folgendes: „Es wird wohl gnadenlos importieren. Ich schätze mal, Atomstrom aus Frankreich.“

Auch hier muss man neutral feststellen, sollte es überhaupt zu Stromengpässen in Belgien kommen, dann in den kalten Wintermonaten. Zu dieser Zeit ist Frankreich aber überhaupt nicht in der Lage Strom zu exportieren, weil Frankreich selbst dringend auf Strom aus dem Ausland angewiesen ist (im letzten Winter übrigens auf Strom aus erneuerbaren Energiequellen aus Deutschland).

  • Am 2. August wird Prof. Allelein in den Aachener Nachrichten wie folgt zitiert: „Dass die in der Vergangenheit mit viel Steuergeld finanzierten HTR-Aktivitäten mittelfristig zu einem ordnungsgemäßen Abschluss geführt werden“.

Hiermit nimmt Allelein Bezug auf die vom Bundesfinanzministerium geförderte Promotion mit dem Titel „Transport, Ablagerung und Resuspension graphitischen Staubes in Edelgasatmosphäre bei hohen Temperaturen“. Eine technisch interessante Arbeit, aber mit Sicherheit kein seriöser Abschluss der HTR-Aktivitäten der KFA-Jülich.

„Wäre nicht eher eine Studie über die gehäuften Leukämie-Fällen bei Kindern in Jülich ein solcher ‚ordnungsgemäßer Abschluss‘?!“ fragen die AtomkraftgegnerInnen. „Oder sollten die Wissenschaftler der Reaktortechnik doch nicht so ergebnisoffen sein, dass sie am Ende möglicherweise zugestehen müßten, dass der eigenen Forschung Kinder zum Opfer gefallen sind?“

Die Förderung der Atomkraft mit 500.000 EUR durch das Bundesfinanzministerium ist sicherlich keine große Summe, sie zeigt aber ein grundsätzliches Problem bei der Vergabe von Forschungsgeldern. Auf europäischer Ebene wird die Atomforschung in einer nicht nachvollziehbaren Weise gefördert: So unterscheidet das 7. Rahmenforschungsprogramm der EU im Energiebereich zwischen nuklearer und nicht nuklearer Forschung. Das ist an sich schon mal eine erstaunliche Kategorisierung. Dann wird die nukleare Forschung mit 2,8 Mrd. EUR gefördert, mehr als die gesamte restliche Forschung im Energiebereich! Diese wird ihrerseits nur mit rd. 2,3 Mrd. EUR Budget bedacht. Und in dieses Budget fallen dann alle anderen Fragestellungen zu Energiethemen, beispielsweise auch die umstrittene Speicherung von CO2 (CCS), die allein mit rd. 1 Mrd. EUR gefördert wird.

Die Herausforderungen der Zukunft sind folgende Themen:

  • Energiespeicherung,
  • dezentrale Versorgung mit Erneuerbaren Energien und
  • Energieeffizienz.

In diesem Bereich wären Forschungsgelder gesellschaftlich sinnvoll angelegt. Darüber hinaus wird man aufgrund der Fehler der Vergangenheit auch Forschung im Bereich des Rückbaus nuklearer Anlagen und Endlagerung betreiben müssen.

„Reaktorforschung und auch das Kernfusionsforschungsprojekt ITER sind keine zukunftsweisenden Technologien und sie werden keinen sinnvollen Platz im Energiemix von morgen haben“, resümieren die Aachener AKW-Gegner.

  • Trotz Atomausstieg mehr Geld für Atomforschung
    18. Juni 2011 – Es offenbart sich die Atomlobby: Mit dem Weiterbetrieb alter Meiler können sie in Deutschland nicht mehr punkten, nun soll die Atomforschung ausgebaut werden, um auf dem Weltmarkt weiter im Geschäft zu bleiben. Millionenbeträge fließen an Gesellschaften, die sich dem Weiterbetrieb der Atomanlagen verschrieben haben.
  • Atomfusion als letzter Strohhalm
    14. Mai 2011 – Aufgrund der beschränkten Vorhandenheit des fossilen Rohstoffes Uran als Brennstoff in herkömmlichen Atomreaktoren und dem missglückten Versuch der „Schnellen Brüter“ bleibt der Atomindustrie als zeitbezogene Perspektive allein die des Atomfusionsreaktors, von dem heute niemand wissen kann, ob er jemals funktionieren wird.
  • Transmutation
    Atommüll-Transmutation – teuer, ungewiss und gefährlich. “Transmutation” – die Lösung für das Atommüllproblems? Mithilfe chemischer und physikalischer Verfahren sollen langlebige Isotope, die Jahrtausende gefährlich strahlen, unschädlicher gemacht werden. Ihre Halbwertzeit soll drastisch reduziert werden und damit auch der Aufwand für eine Endlagerung. Eines der gewichtigsten Argumente gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke wäre relativiert: die Frage nach der Langzeitsicherheit von Atommülllagern. Doch erstmal kostet die Entwicklung erheblich Geld, ist gefährlich und grundsätzlich ist ungewiss, ob sie im großen Stil funktioniert.

Quelle: Aktionsbündnis gegen Atomenergie Aachen; 15.08.2012

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