Warum dieser Widerstand gerade jetzt weiter Not tut

Dass dieser Atomausstieg mit weiterlaufenden Atomkraftwerken, Uranwirtschaft, horrenden Forschungsgeldern in neue Atomtechnologie und weiterhin staatlichen Subventionen für die gesamte Atomwirtschaft diesen Namen nicht verdient hat, ist die eine Seite der Medaille. Die andere Wahrheit ist aber auch, dass der beschlossene Ausstieg aus der Atomwirtschaft und die Anti-Atom-Bewegung als soziale Bewegung, die dazu beigetragen hat, eine enorme Verpflichtung haben, diese Erfahrungen und Erfolge dazu zu nutzen, anderen Aktivist_innen und Kämpfer_innen für einen weltweiten Atomstop den Rücken zu stärken.

anti-atom-sonne_deutschInitiativen aus Japan, Schweden, Russland, Frankreich, verschiedenen afrikanischen Ländern und zahlreiche Besucher_innen der Gorlebener Atomanlagen erzählen uns kontinuierlich, wie wichtig es ist, dass wir sie stützen, mit unserer Kraft, unserer Geschichte und unserer Entschlossenheit. Wir können und dürfen uns nicht zur Ruhe setzen, wir müssen weiter alle Missstände benennen und dagegen handeln. Neben aller Aufklärungsarbeit, Kommunikation mit anderen Gruppen eben auch mit dem bewährten Erfolgsrezept des Protestes und Widerstands auf Demonstrationen, Aktionen, Camps, Kongressen, auf Trecks und auf Widerstandswochenenden. Die gesellschaftliche Debatte, die wir über den Umgang mit Atommüll einfordern, ist hier nur ein Teil des Anliegens. Die politischen Verhältnisse haben sich verdüstert, es gibt zurzeit keine Partei, die sich für einen Atomausstieg stark macht. Abgesehen davon ist es fraglich, ob Parteien dazu geeignet sind, den Atomausstieg durchzufechten. Das kann eine Anti-Atom-Bewegung erwiesenermaßen am besten. Wir dürfen nur nicht nachlassen in unserem Kämpfen.

Wir wollen einen Atomausstieg, der diesen Namen auch verdient hat und wir wollen den Atomausstieg nicht nur hier, in diesem Land, sondern weltweit. Dafür brauchen wir viele kluge Köpfe, viele Münder, die gern darüber reden, viele Ohren, die aktiv hören können, aber vor allem viele Hände und Füße, Hände, die den Atomausstieg machen, denn Atomausstieg ist Handarbeit und viele Füße, die den Atomausstieg auf die öffentlichen Plätze tragen, in die Köpfe und Herzen der Menschen hinein, die noch nicht gegen Atomkraft sind und handeln, weil sie sich noch nicht damit beschäftigt haben.

Und nicht zuletzt ist es nicht damit getan, sich auf den Teilerfolgen auszuruhen und sich in Sicherheit zu wiegen. Ein Kristallisationspunkt des Anti-Atom-Protestes und Widerstands ist weggefallen, die Castortransporte. Die skandalisierenden Ereignisse sind aus der Welt geschafft, die Missstände keinesfalls. Wenn wir unserer Haltung weiter Nachdruck verleihen wollen, dann hilft nur, weiter die unnötigen Atomtransporte anzugehen, die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen punktuell aktiv zu betreiben, über Atomkatastrophen und deren verheerende Folgen, die Verseuchung, Krankheit und Todesfälle, weiter zu informieren, dem Widerstand gegen Uranabbau praktische Solidarität zu gewähren, die Repression von Aktivist_innen in andern Ländern zu kommunizieren und damit zu verringern, sich um konkrete Unterstützung zu kümmern.

Bisher findet der Atomausstieg nur auf dem Papier statt. Alles ist umkehrbar. Was, wenn „Transmutation“ die neue, bessere Erfindung der Atomkraft darstellt? Was, wenn Atommüll im Ausland gelagert werden soll? Was, wenn der näXte SuperGau passiert? Was, wenn der Atommüll in Gorleben in der Kartoffelscheune stehenbleibt? Was, wenn die Konditionierungsanlage in Betrieb geht?

Unser Erfolg, dass vorerst keine weiteren Castortransporte eingelagert werden, dass keine Wideraufarbeitungsanlage gebaut wurde, dass die Pilotkonditionierungsanlage nicht in Betrieb ist, beruhen auf dem Engagement vieler tausend Menschen, die Jahrzehntelang hergekommen sind, um unseren Protest und Widerstand gegen die Castortransporte gemeinsam zu tragen. Jetzt ist es an der Zeit, weiterzumachen, nicht aufzugeben, so lange, bis die Gründe beseitigt sind. Und ist es nicht an der Zeit, etwas zurückzugeben? Lasst uns unsere Kraft, unsere Erfahrung, unser Wissen und unsere Lust am Protest und Widerstand in die Welt tragen, lasst uns ein Leuchtturm sein in der weltweiten Anti-Atom- Bewegung!

von Kerstin Rudek / www.kerstinrudek.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solidaritäts-Aktion „nirgendwo“
Artikel-Archiv