Drastische Ausweitung des Katastrophenschutz bei Atomkatastrophen gefordert

Im Vorfeld der Innenministerkonferenz der Länder, die Anfang Dezember in Osnabrück stattfindet, haben Bürgerinitiativen und Verbände eine drastische Ausweitung des Katastrophenschutzes vor Reaktorkatastrophen gefordert. In einem bundesweiten Großversuch hatten die Initiatoren bereits am Samstag an 6 Atomkraftwerken und dem Forschungsreaktor in Berlin-Wannsee jeweils 500 Luftballons starten lassen, deren Fundorte jetzt auf einer gemeinsamen Karte registriert werden.

In einem Brief (Anlage) an den Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, den nieders. Innenminister Boris Pistorius, heißt es:

„Wir fordern Sie hiermit noch einmal auf, der Katastrophenplanung realistische Ausbreitungs­daten zugrunde zu legen. Die Atomreaktor-Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima haben gezeigt, dass die Ausbreitung der Radioaktivität innerhalb von wenigen Stunden über Entfernungen von 150 – 200 km stattfindet und dass die radioaktiven Freiset­zun­gen mehreren Wochen, möglicherweise sogar noch länger, andauern können.“

Erste Ballon-Fundorte am 19.11.2013; Bild: atomalarm.info

Erste Ballon-Fundorte am 19.11.2013; Bild: atomalarm.info

Eben dies demonstrieren die Initiatoren derzeit mit einem öffentlich nachvollziehbaren bundesweiten Großversuch in Echtzeit: Am Samstag hatten sie an 6 Atomkraftwerken und dem Forschungsreaktor in Berlin-Wannsee jeweils 500 Luftballons starten lassen, deren Fundorte jetzt nach und nach auf einer öffentlichen Karte registriert werden www.atomalarm.info. Die ersten Fundorte wurden bereits am Samstag registriert, ein komplettes Bild wird nach 2 – 3 Wochen erwartet.

Hintergrund: Bis heute basiert der Katastrophenschutz-Planung auf der Annahme, große Katastrophen könne es in Deutschland nicht geben, weil es sie bisher ja nicht gegeben hat. Vorgesehen ist Evakuierungen in höchstens 10 KM Entfernung, Jodprophylaxe bis zu 100 KM. In einer Studie nach Fukushima hat das Bundesamt für Strahlenschutz 2011 erstmals nicht nach möglichen Katastrophenursachen gefragt, sondern am Beispiel der AKW Esenshamm im Norden und Philippsburg im Süden untersucht, welche Ausbreitungen sich auf Basis lokaler Gegebenheiten und Wetterlagen bei einer mit Fukushima vergleichbaren Katastrophe in Deutschland ergeben würden. Ergebnis: Noch in 170 KM Entfernung könnte eine solche Katastrophe in Deutschland dramatische Eingriffe bis hin zu Umsiedlungen nötig machen. Darauf ist der Katastrophenschutz aber gar nicht eingerichtet. Im Vorfeld der Innenministerkonferenz, die derzeit von den Innenstaatsekretären in Bad Pyrmont vorbereitet wird, hat die Strahlenschutzkommissiondes Bundes eine Stellungsnahme vorgelegt, die zwar eine größere Belastung eingesteht, realistischen Anforderungen aber nicht genügt.

„Wir fordern Sie auf“, heißt es darum in dem Brief an die Innenminister, „den belastbaren Nachweis zu führen, dass im Umkreis von mindestens 170 km um die Atomkraftwerke in Deutschland – die jeweils von vielen Millionen Menschen bewohnt werden – erfolgreiche Evakuierungsmaßnahmen und die erforderliche medizinische Hilfe im atomaren Katastrophenfall möglich sind. – Sollten Sie diesen Nachweis nicht erbringen können, fordern wir Sie auf, für die sofortige Stilllegung der Atomkraftwerke einzutreten!“

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Quelle: atomalarm.info, 19.11.2013

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