„Der Stresstest war ein Schnarchtest“

Die Bundesregierung geht wissentlich das Risiko ein, dass sich Fukushima hierzulande wiederholt, meinen Atomkraftgegner anlässlich der heutigen Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse.

Jochen Stay / ausgestrahlt

Jochen Stay / ausgestrahlt

„Der Stresstest war in Wirklichkeit ein Schnarchtest“, so Jochen Stay von ausgestrahlt. Nur ein Drittel der Atomkraftwerke seien von Prüfern besucht worden, in Deutschland sogar nur zwei. Die meisten Angaben stammen von den AKW-Betreibern selbst. Wesentliche Risiken wie Flugzeugabstürze und Probleme mit der Notstromversorgung wurden überhaupt nicht betrachtet – so, als würde der TÜV bei einem PKW nur nach Roststellen suchen, aber die Bremsen nicht überprüfen.

„Dass trotzdem so eklatante Sicherheitsmängel gefunden wurden, wirft ein erschreckendes Licht auf die Situation der Atomkraftwerke in Deutschland und Europa“, so Stay. „Die Kanzlerin hatte nach Fukushima von einer Neubewertung des Risikos gesprochen, dabei aber neun Reaktorblöcke ausgeklammert, die nun trotz aller Mängel weiterlaufen.“

Die Sicherheitsmängel in deutschen Atomkraftwerken sind spätestens seit dem Bericht der Reaktorsicherheitskommission vom Sommer 2011 bekannt. Getan hat sich seither nichts. Nachrüstungen sind von den Behörden nicht angeordnet, geschweige denn von den AKW-Betreibern umgesetzt worden.

„Wenn das Umweltministerium jetzt behauptet, Mängel bei der Erdbebensicherheit seien bisher nicht bekannt gewesen, dann ist das entweder dreist gelogen oder die Verantwortlichen haben die Ergebnisse des deutschen Stresstests nie gelesen“, meint der ausgestrahlt-Sprecher. „Wer trotz aller Sicherheitsmängel die Atomkraftwerke in Deutschland bis 2022 weiterbetreiben will, der geht wissentlich das Risiko ein, dass sich Fukushima hierzulande wiederholt.“

Die EU-Kommission hat mit ihrer heutigen Vorstellung der Stresstest-Ergebnisse keine Empfehlung zur Schließung von Reaktoren gegeben, empfiehlt aber praktisch für alle AKW-Anlagen in Europa Verbesserungen. Bei den Atomkraftwerken in Norddeutschland sieht die EU in puncto Erdbebenwarnung Handlungsbedarf. Insgesamt bemängeln die Fachleute sechs Anlagen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, von denen nur noch Brokdorf, Emsland und Grohnde aktiv sind. Die Betreiber müssten nach Ansicht der EU-Kommission nachrüsten – vorschreiben kann Brüssel dies aber nicht.

„Selbst dieser für die Atomindustrie freundliche Stresstest kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Bei einer strengeren Überprüfung wäre das Urteil für die meisten Reaktoren vernichtend ausgefallen. So wurden die Alterung der Reaktoren und bestimmte Unfallabläufe nicht mit berücksichtigt“, so Greenpeace-Atomexperte Tobias Riedl.

Bundesumweltminister Altmaier kündigte an, die Untersuchung der Atomkraftwerke müsse „Konsequenzen nach sich ziehen“. Bereits am Dienstag hatte er gesagt, dass Nachrüstungen an die Laufzeit der Meiler gekoppelt sein sollen. Es sei „natürlich wenig vermittelbar“, wenn Deutschland jetzt noch stark nachrüste und Frankreich nicht, obwohl die Atomkraftwerke dort noch 20 Jahre in Betrieb sind, so Altmaier heute laut dpa.

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    2. Oktober 2012 – “Die Sicherheitskultur muss verbessert werden”: Bei allen zwölf im “Stresstest” nach Fukushima geprüften deutschen AKW müssen die installierten Warnsysteme nachgebessert werden, fordert der Bericht der EU-Kommission. Zudem seien die Leitlinien für schwere Unfälle nicht umgesetzt. EU-weit schneiden alle 145 Reaktoren schlecht ab.

Quellen (Auszug): PM ausgestrahlt, dpa, n-tv.de; 04.10.2012

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