Wenn die Landesregierung am Atomkraftwerk Grohnde festhält, muss sie sich überlegen, wie sie die Landeshauptstadt evakuieren will!

Weil das Land Niedersachsen 2009 eine Empfehlung der Strahlenschutzkom­mis­sion in Landes­recht übernommen hat, liegen derzeit die Katastrophenschutzpläne der Kreis­behör­den zu den Atomkraftwerken Grohnde und Lingen zur Einsichtnahme aus. Erst nach einem Protest von Initiativen und Verbänden empfahl das Innenministerium, die Pläne auch ins Internet zu stellen.

Pressekonferenz "Grohnde abschalten" am 15.08.2012

Pressekonferenz "Grohnde abschalten" am 15.08.2012

Auf einer Pressekonferenz in Hannover nahmen jetzt Vertreter von Initiativen und Verbänden, die in der Regionalkonferenz Grohnde-abschalten zusammenarbeiten, Stellung und kündigten eine Groß­aktion zum 2. Fukushima-Jahrestag im März 2013 an.

Geisterzüge im Flickentepptich

Für die Regionalkonferenz Grohnde-abschalten machte sich Tobias Darge (Göttingen) auf den Weg durch die zuständigen Kreisverwaltungen und wertete die jeweiligen Pläne zusammen mit den örtlichen Initiativen aus. Dabei entdeckte er nicht nur einen Flickenteppich höchst unterschied­licher Regelungen, sondern auch Skurriles. Da gibt es etwa Züge, die aus Hameln Menschen nach Hildesheim evakuieren sollen, aber in Hildesheim nie ankommen.

Darge: „Es gibt in der Landes­regierung offenbar niemanden, der die atomaren Katastrophenschutzplanung koordiniert oder darauf achtet, dass Mindeststandards erfüllt werden. Einmal mehr machen Bürgerinitiativen, was eigentlich Aufgabe der Landesregierung wäre.“

Keine Konsequenzen aus Fukushima gezogen

Völlig inakzeptabel ist, so die Ärztin Dr. Angelika Claußen (Bielefeld) von der atomkrittischen Ärzteorganisation IPPNW, dass bezüglich der Ausbreitung und Höhe der Strahlenbe­lastung auch nach mehr als einem Jahr noch keine Konsequenzen aus Fukushima gezogen worden sind.

Dabei liegt dem Bundesumweltministerium bereits seit Herbst 2011 eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz* vor, die belegt, dass der Katastrophenschutz in Deutschland einem Super-GAU nicht gewachsen wäre. Einer von vielen Gründen ist, dass bisher nur von einer sehr kurzfristigen Frei­set­zung von Radionukliden bis zu 50 Stunden ausgegangen wird (Abschätzungen der Gesell­schaft für Reaktorsicherheit GRS). Lang andauernde Emissionen radioaktiver Spaltprodukte wie bei der Tschernobyl-Katastrophe (11 Tage) oder in Fukushima (25 Tage) werden nicht berück­sichtigt.

Auch der Richtwert für Evakuierungen ist in Deutschland mit 100 mSv viel zu hoch angesetzt. In Japan wurden Evakuierungen bei einem Eingreifsrichtwert von 20 mSv/Jahr durchgeführt. Selbst diesen Wert sehen viele Strahlenschützer noch als zu hoch an.

„Aus Fukushima offensichtlich nichts gelernt“, konstatiert Dr. Claußen. „Man fragt sich, wen das Bundesumweltministerium eigentlich schützen will, die Bürger oder das Geschäft der Kraftwerks­betreiber.“

Evakuierungspläne für Millionen?

Unzureichend sei auch, die Katastrophenplanung auf die unmittelbar angrenzenden Kreise zu begrenzen. Im Falle eines Super-GAUs müsse auch im Abstand von 170 KM mit erheblichen Strahlenbelastungen gerechnet werden. Das hänge jeweils vom Ablauf der Katastrophe und den Wetterbedingen ab, erläutert Ralf Strobach von der Bürgerinitiative Umweltschutz Hannover (BIU). Katastrophenschutzpläne wären also auch für Hannover oder Braunschweig erforderlich. Es könne durchaus sein, dass die Strahlenbelastung in Teilen von Hannover höher sei, als unmittelbar neben dem Reaktor in Grohnde. In Hannover gäbe es zwar 22 der bundesweit 120 Betten für die Notversorgung Strahlenopfern und einen Vorrat Jodtabletten, aber eben keinen Katastropenplan.

Strobach: „Wenn die Landesregierung weiter am Atomkraftwerk Grohnde festhält, muss sie sich konsequenter Weise auch überlegen, wie sie Hannover evakuieren will!“ Natürlich sei das nicht möglich und schon deshalb die unverzügliche Stillegung des Reaktor geboten.

Katastrophenszenarium zum 2. Fukushima-Jahrestag

Auch für Deutschland sind große und größte Katastrophen nicht auszuschließen. Das zeigte die aktuelle Studie des Max-Planck Instituts für Chemie in Mainz vom Mai 2012. Darum plant die Regionalkonferenz Grohnde-abschalten für den 2. Fukushima-Jahrestag im März 2013 eine norddeutsche Großaktion, die auf einem mittleren Szenario basiert:

„Wir werden einladen, auf einem Radius etwa 40 km rund um den Reaktor Grohnde eine Aktionskette zu bilden und deutlich machen, wie viele Menschen von einer Katastrophe in einem deutschen Atomkraftwerk betroffen wären“, erläutert Peter Dickel (Braunschweig) von der Arbeitsgemeinschaft Schacht KONRAD.

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Quelle: PE Grohnde abschalten, 15.08.2012

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