Atomstromimport aus Frankreich verbieten!

Nach zahlreichen Störfällen in französischen Atomkraftwerken fordern Politiker, den Import von Atomstrom aus Frankreich zu verbieten. Der französischen Präsident Sarkozy hat unterdessen Laufzeitverlängerung für alle Reaktoren angekündigt und sich gegen eine Abschaltung der ältsten Meiler in Fessenheim ausgesprochen. Atomkraftgegner planen eine große Protestaktion am 11. März.

„Ich werde nie eine Schliessung von Fessenheim aus politischen oder ideologischen Gründen akzeptieren“, versicherte Präsident Nicolas Sarkozy der Belegschaft der ältesten zwei Atomreaktoren des Landes. Das AKW stillzulegen bezeichnete er als „Skandal“. Er besuchte im Rahmen seines Wahlkampfes die umstittene Anlage am 9. Februar. Allerdings würde er „keine Sekunde zögern“ das Kraftwerk schließen zu lassen, wenn auch nur der kleinste Zweifel an der Sicherheit bestünde. Die Atomaufsicht hatte kürzlich im Rahmen der europaweiten „Stresstests“ nach Fukushima alle Anlagen als sicher befunden, aber auch Nachrüstungen im Katastrophenschutz angeordnet.

Eine Expertenkommission hat nun eine Laufzeit-Verlängerung für alle französischen Atomkraftwerke über die bislang geltenden 40 Jahre hinaus empfohlen. In ihrem Bericht, den die Kommission „Energien 2050“ am Montag an Energieminister Eric Besson in Paris übergab, warnen die Experten eindringlich vor einem Abschalten Reaktoren. Präsident Sarkozy hatte die Kraftwerksbetreiber bereits aufgefordert, sich auf eine solche Laufzeitverlängerung einzustellen. Er forderte aber auch Anstrengungen bei der Weiterentwicklung der Sicherheitsstandards. Aufgrund ihres Alters müssen bei derzeit geltenden Vereinbarungen 2020 22 Reaktoren mit je 900 MW Leistung stillgelegt werden. Bisher liegt die Kraftwerkslaufzeit bei im Schnitt 26 Jahren. Durch den Bau von elf AKW vom Typ „Europäischer Druckwasserreaktor“ (EPR) sollen die alten Anlagen schrittweise ersetzt werden. Ein Modell des EPR wird derzeit in Flamanville im Norden von Frankreich gebaut. Darüber hinaus solle ein kleinerer Reaktortyp mit 1.000 MW Leistung gemeinsam mit China und Japan entwickelt werden. Die Kommission war von Energieminister Besson eingesetzt worden, Atomkraftgegner kritisierten die Zusammensetzung als zu einseitig zugunsten der Atomkraft.

  • AKW-Debakel Europäischer Druckwasserreaktor
    21. Juli 2011 – Es war der ersten Reaktorneubau in Europa seit der Tschernobyl-Katastrophe 1986: Der “Europäische Druckwasserreaktor” sollte die Renaissance der Atomkraft einläuten. 2005 wurde mit dem Bau in Finnland begonnen, Ende 2007 in Frankreich mit einem zweiten Reaktor. Seitdem gibt es Pleiten, Pech und Pannen.

Der Weiterbetrieb des Atomanlagen wird das Land teuer zu stehen kommen: Laut einer Untersuchung des französischen Rechnungshofes muss die Regierung für das Beibehalten der jährlich produzierte Strommenge von 77 % bis 2025 55 Milliarden Euro aufbringen. Von einem Ausbau der Erneuerbaren Energien raten die Experten ab: er käme die Regierung sehr teuer und würde in absehbarer Zeit keine spürbare Entlastung beim Nukleareinsatz bringen. Frankreich hat wie kein anderes Land in die Atomkraft investiert und ist entsprechend darauf angewiesen. Bisher hat allein der Bau der Kraftwerke 121 Milliarden Euro, private und staatliche Förderung zusätzlich 55 Milliarden Euro gekostet. Die jährlichen Kosten für die Instandhaltung der Anlagen werde sich allein um die Sicherheitsauflagen zu erfüllen laut der Studie bis 2025 verdoppeln. Die Aufwendungen betragen derzeit jährlich im Durchschnitt 3,7 Milliarden Euro (2008: 1,5 Mrd. Euro). Für die Entsorgung der 58 AKW kann der Rechnungshof nur Schätzungen abgeben: 18,4 Milliarden Euro Rückbaukosten, wobei es wegen mangelnder Erfahrung „Unsicherheiten“ gäbe. Würde der gesamte hochradioaktive Abfall im lothringischen Bure deponiert, wären 36 Milliarden Euro aufzubringen. Vor sechs Jahren setzten Fachleute noch 16,5 Mrd. Euro an.

Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande will im Fall eines Sieges an den Wahlen vom 22. April 2012 das AKW Fessenheim als älteste Anlage im Land schliessen und bis 2025 schrittweise den Atomenergieanteil an der Energieversorgung von heute 75 auf 50% verringern.

Menschenkette Frankreich 11.03.

Menschenkette Frankreich 11.03.

Nach Störfällen im Atomkraftwerk Cattenom, das sich knappe 10 Kilometer von der deutschen Grenze im Dreiländereck Deutschland-Belgien-Frankreich befindet, hat der saarländische SPD-Chef Heiko Maas ein Importverbot für französischen Atomstrom gefordert. Ohne den Export wäre auch für Frankreich die Atomenergie weit weniger interessant. Und ein Land, dass den europaweiten Ausstieg wolle, dürfe das Festhalten an der Atomkraft von Ländern wie Frankreich nicht weiter durch den Kauf von Atomstrom fördern.

Menschenkette am 11. März

Am 11. März findet anlässlich des Fukushima-Jahrestags in Frankreich eine große Protestaktion statt: eine 235 Kilometer lange Menschenkette soll von Lyon bis Avignon die Atomkraftwerke entlang der Rhône verbinden. Damit soll ein Zeichen für den Ausstieg gesetzt werden. contrAtom unterstützt die Aktion.

Protestiert wird gegen die En­er­gie-Po­li­tik bereits am 18.02. in Straßburg: Eine Bür­ger­initia­ti­ve von vie­len Ver­bän­den ap­pel­liert an den fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten, über ein atom­frei­es Frank­reich zu de­bat­tie­ren. (mehr Infos)

  • Störfälle in französischem und US-AKW
    7. Februar 2012 – Ein Zwischenfall im französischen Atommeiler Cattenom ist schwerer als bislang vermutet. Die Aufsichtsbehörden stuften das Ereignis von Anfang Januar auf INES 2. In einem amerikanischen Atomkraftwerk ist unterdessen Strahlung ausgetreten. Auch aus deutschen Reaktoren wurden erneut Störfälle gemeldet.
  • Frankreich: 228 Milliarden Euro für Atomenergie
    1. Februar 2012 – Der französische Rechnungshof hat erstmals Zahlen zu den Kosten der Atomenergie genannt: Seit dem Bau der ersten Atomkraftwerke seien 228 Milliarden Euro in die Atomenergie geflossen. Auch in Deutschland gibt es nich immer erhebliche Gelder für das Etablieren der Atomkraft.
  • IPPNW: Auch in Frankreich erkranken mehr Kinder im Umkreis von Atomkraftwerken an Leukämie
    19. Januar 2012 – Im Umfeld von französischen Atomkraftwerken sind laut der sogenannten Geocop-Studie des französischen Medizin-Instituts Inserm zwischen 2002 und 2007 fast doppelt so viele Kinder unter 15 Jahren an Leukämie erkrankt wie im Landesdurchschnitt. Die französische Studie ist für die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW ein weiterer Beleg für den Zusammenhang zwischen ionisierender Strahlung und der Zunahme von Leukämieerkrankungen bei Kindern.
  • Auch Frankreichs AKW nicht sicher
    18. November 2011 – Die Atomenergie im Atomland No. 1 wankt. Die Sozialisten kündigen an, bei einem Wahlsieg 24 Reaktoren abschalten zu wollen. Die Ergenisse der “Stresstests” belegen zudem massive Sicherheitslücken in allen 58 zur Zeit betriebenen Anlagen. Die Zeit für ein Umdenken scheint gekommen.
  • Ältestes AKW in Frankreich wieder am Netz
    8. November 2011 – Trotz massiver Sicherheitsbedenken ist das älteste Atomkraftwerk Frankreichs in der Nacht auf Montag wieder hochgefahren worden. Der trinationale Atomschutzverband TRAS, in dem sich deutsche, französische und schweizerische Atomkraftgegner zusammengeschlossen haben, protestierte gegen das unverantwortliche und unangekündigte Wiederanfahren von Block 1.
  • 25.000 Menschen bei Anti-Atom-Protesten in Frankreich
    16. Oktober 2011 – Der Atomausstieg in Frankreich nimmt an Fahrt auf: 25.000 Menschen haben gestern gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke protestiert. Die Mehrheit der Franzosen ist nach Fukushima für das Ende der Nuklearenergie, von der Frankreich zu fast 80% abhängig ist.

Quellen (Auszug): nuklearforum.ch, taz.de, vdi-nachrichten.de, freiepresse.de, chainehumaine.org; 14.02.2012

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