Braunschweig: Atommüll im Wohngebiet

In Braunschweig will die Firma Eckert & Ziegler eine neue „Drehscheibe für Atommüll“ bauen. Direkt neben Schulen, Kindergärten und einem Wohngebiet hat das Unternehmen die Errichtung einer weiteren Halle angekündigt, in der radioaktive Abfälle gelagert sollen. Neben der Asse und Schacht Konrad soll die Gegend einen dritten „nuklearen Hot Spot“ bekommen. Atomkraftgegner und besorgte Anwohner protestieren.

Die Braunschweiger Firma Eckert & Ziegler verarbeitet radioaktive Abfälle aus Medizin und Forschung und will im Stadtteil Thune eine neue Lagerhalle für die strahlenden Rückstände bauen. Laut Firmenchef Andreas Eckert gehe es lediglich um „Modernisierung“, damit die Container mit den Abfällen nicht mehr im Freien stehen müssen.

Die Eckert & Ziegler AG hatte erst 2009 den Betriebsteil in Thune übernommen. Die derzeitigen Geschäftsfelder von Eckert & Ziegler Nuclitec sind industrielle und medizinische Strahlungs­quellen, Produkte für Strahlentherapie und -pharmazie sowie die Annahme und Bearbeitung von radio­aktiven Abfällen und Strahlungsquellen.

Radioaktive Belastung im Vergleich, Gammastrahlung in Thune; Quelle: BISS

Radioaktive Belastung im Vergleich, Gammastrahlung in Thune; Quelle: BISS

Die Höhe der gesamten Strahlungsaktivität, die die Firma laut ihrer unbefristeten behördlichen Genehmigung  zum Bearbeiten und Lagern von radioaktiven Stoffen auf dem Betriebsgelände ausnutzen darf, ist extrem hoch. Der Umgang mit umschlossenen radioaktiven Stoffen mit einer Aktivität von 1013 Freigrenzen und mit offenen radioaktiven Stoffen mit einer Akti­vität von 1011 Freigrenzen ist zuge­lassen. Kernbrennstoffe sind nach Auskunft des Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig zur Zeit ausgeschlos­sen.

Laut ROBIN WOOD beträgt die Direktstrahlung am Zaun des Firmengeländes schon heute 1,3 bis 1,5 Millisievert pro Jahr – und übersteigt damit die zulässigen Grenzwerte. Robin Wood und die Initiative BISS haben deshalb das Unternehmen sowie die Braunschweiger Gewerbeaufsicht angezeigt. Zum Vergleich: Am Atommüllzwischenlager Gorleben liegt der Grenzwert bei 0,3 Millisievert. Auch die radioaktiven Emissionen von Atomkraftwerken liegen weitaus niedriger als die von Eckert & Ziegler.

Dass es Eckert & Ziegler aber langfristig nicht nur um die „Modernisierung bestehender Anlagen“ geht, zeigt eine Bewerbung im Sommer 2011: das Unternehmen wollte sich um die Entsorgung von 80.000 Liter verseuchter Lauge aus Kammern des havarierten Atommüllendlagers Asse-2 kümmern. Probehalber seien bereits 80 Liter behandelt worden und dabei die 26.000 Becquerel Strahlung pro Liter „restlos herausgefiltert worden“, so das Umweltministerium in Hannover.

Die Bürgerinitiative StrahlenSchutz Braunschweig (BISS) nennt auch noch weitere mögliche Nutznießer einer Betriebserweiterung: Betreiber von Atomkraftwerken. In Thune könnten radioaktiven Materialien aus dem Stilllegungsprozess verarbeitet oder Atommüll, der in Schacht Konrad eingelagert werden soll, konditioniert werden.

  • Atomkraftgegner kritisieren die Grenzwertbestimmungen und fordern eine Zurückstufung. Es kann nicht sein, dass bei einer Firma neben einem Wohngebiet höhere Grenzwerte gelten, als beim Zwischenlager in Gorleben. Derzeit findet eine Unterschriftensammlung statt, Ende Januar kamen 2.000 Menschen zu einem kritischen Hearing in die Braunschweiger Stadthalle.

Aus Protest gegen die Erweiterungspläne, mit denen sich am 28. Februar der Braunschweiger Stadtrat erneut beschäftigen wird, findet am 11. März eine Lichterkette statt. Am Fukushima-Jahrestag sollen über mehr als 50 Kilometer Länge die Atomstandorte Schacht Konrad, die Asse und Braunschweig bis zum Firmengelände von Eckert und Ziegler miteinander verbunden werden.

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Quellen (Auszug): neues-deutschland.de, newsclick.de, www.braunschweig-biss.de; 06.02.2012

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