Protest wirkt: Bulgarien verabschiedet sich vom AKW Belene

Wie erfolgreicher Anti-Atom-Protest wirkt, sieht man in Bulgarien. In erdbebengefährdetem Gebiet sollten zwei Atomreaktoren gebaut werden. Projektbeginn war bereits 1987, mehrere deutsche Firmen waren beteiligt. Nun verabschiedet sich Bulgarien von den AKW-Plänen. Nun hoffentlich endgültig.

Hamburg, 05.12.2008 - Nikolaus-Rute für RWE-Chef wegen AKW Belene

Hamburg, 05.12.2008 - Nikolaus-Rute für RWE-Chef wegen AKW Belene

Der Baubeginn von zwei Reaktorblöcken des russischen Typs WWER-1000/320 erfolgte im Jahre 1987, zwischen 1988 und 1990 wurden etwa 40 % des Reaktorblocks 1 fertiggestellt und 80 % der Ausrüstung geliefert. 1990 wurden Bauarbeiten trotz positiver Stellungnahmen der Internationalen Atomenergie Organisation aufgrund Geldmangels und nach Bürgerprotesten eingestellt. 2003 gaben fünf Kraftwerksbauer ihr Interesse an einer Vollendung des Projekts bzw. dem Bau neuer Blöcke bekannt. Im Juli 2005 gab die bulgarische Regierung dann dem Bau mit einer Kapazität von 2.000 MW wieder ihren Zuspruch. Dabei wurde der Bau von zwei russischen WWER-Reaktoren beschlossen, allerdings nicht in der 1987 begonnen und veralteten Variante WWER-1000/320, sondern als WWER-1000/466 in Bauform des AES-92. Nach den Wahlen im Oktober 2006 wurde Atomstroiexport (ASE), ein russisches staatliches Unternehmen, für den Bau ausgewählt.

Der tschechische Kraftwerksbauer Škoda unterbreitete ein Angebot, die Reaktoren auf Basis der Version WWER-1000/320, aber mit erweiterter Technik, zu bauen, so wie in Temelín in Tschechien. Die Kosten hätten sich jedoch dann auf über 5 Milliarden Dollar erhöht. Einige Teile dieses Reaktors wurden bereits in Belene angeliefert, jedoch nach dem Zuschlag für die Umplanung auf AES-92 unbrauchbar. Das Angebot des von Škoda geführten Konsortiums wurde ausgeschlagen.

Am russischen Konsortium beteiligt war auch die französische Firma Areva, die die Sicherheitsleittechnik Teleperm XS, den Reaktorschutz sowie die Neutronenflussmessung und die Steuerstabregelung liefern sollte. Der damalige Partner Siemens sollte die betriebliche Leittechnik sowie die Leittechnik des konventionellen Teils beisteuern. Im Januar 2008 wurde der Vertrag geschlossen, der Kostenvoranschlag belief sich auf 3,9 Milliarden Dollar.

Die Anlagen sollten ähnlich wie das Atomkraftwerk Tianwan in China aufgebaut werden und zwischen 2013 und 2014 den kommerziellen Leistungsbetrieb aufnehmen. Areva sollte danach die Ausbildung des Personals und die erste Beladung des Reaktors mit Brennelementen übernehmen.

Der Standort liegt in einem Erdbebengebiet. Nur zwölf Kilometer vom geplanten Kraftwerk entfernt ereignete sich im Jahre 1977 das letzte große Erdbeben, bei dem mehrere Dörfer zerstört wurden und 200 Menschen starben. Die Deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover rechnet in der Region weiterhin mit starken Erdbeben von 7,5 bis 8,5 auf der Richterskala. Kleinere Erdbeben gibt es dort mehrmals im Monat.

Doch auch andere Faktoren machen das AKW zu einer besonderen Gefährdung: „Geplant ist in Belene ein Atomkraftwerk russischen Reaktortyps, der in Westeuropa nicht genehmigt würde, weil es den Sicherheitsstandards nicht genügt“, sagt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace.

Seit 2003 gab es teilweise internationale und massive Proteste gegen den Bau des AKW, die sich in Deutschland vorwiegend gegen die bei der Finanzierung beteiligten Banken und später gegen RWE als Mitinhaber richteten. Mittlerweile haben zwölf internationale Banken, darunter Deutsche Bank, Commerzbank und HypoVereinsbank von einer Finanzierung des Projektes genommen.

  • In einem Schreiben an die Umweltgruppen erklärte die Deutsche Bank 2006: „An einer Finanzierung des Kraftwerks Belene werden wir uns nicht beteiligen“. und auch die HypoVereinsbank verkündet, dass man sich „aus geschäftspolitischen Gründen“ von dem Projekt verabschiede.

Auf eine Ausschreibung im Jahre 2007 über die Finanzierung und den Betrieb der Anlage bewarben sich unter anderem Suez’s Electrabel, Enel, ?EZ und die deutschen Firmen RWE und E.ON. Im Oktober 2008 erhielt RWE den Zuschlag für 49 Prozent der Anteile und sollte somit zukünftiger Teileigentümer werden.

Schon ein Jahr später gab RWE nach weiteren Protesten und internen Auseinandersetzungen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat den Ausstieg aus dem Projekt bekannt. Offizielle Begründung war die ungesicherten Finanzierung des Projekts, da inzwischen von Gesamtkosten in Höhe von 10 Milliarden Euro statt der ursprünglich veranschlagten 4 Mrd. Euro ausgegangen wurde.

Nach dem Ausstieg von RWE hat Bulgarien die Einstellung der Bauarbeiten am Projekt für die nächsten eineinhalb Jahre angekündigt, um Zeit für die Suche nach neuen Investoren zu bekommen. Im August 2010 gab der bulgarische Wirtschaftsminister offiziell zu, dass die veranschlagten Kosten für das Kraftwerk auf 9 Milliarden Eur gestiegen seien. Obwohl die russische Regierung im Frühjahr 2010 einen Kredit in Höhe von zwei Milliarden Dollar für die Fortsetzung der Bauarbeiten angeboten hatte, will die bulgarische Regierung das Projekt erst fortsetzen, wenn sich ein westlicher Investor gefunden hat.

Zuletzt gab es einen Streit mit dem russischen Lieferanten Atomstroiexport über den Endpreis des Kraftwerkes. Die Russen gehen von einem Preis von 6,3 Milliarden Euro aus. Bulgarien beharrt auf 5 Milliarden Euro. Auch geht es um Zahlungsrückstände des staatliche Elektrizitätsunternehmen Natsionalna Elektricheska Kompania EAD (NEK) gegenüber Atomstroiexport in Höhe von 61 Millionen Euro.

05.03.2009 - Proteste vor dem Haus von RWE-Chef Grossmann in Hamburg

05.03.2009 - Proteste vor dem Haus von RWE-Chef Grossmann in Hamburg

Ende Oktober 2011 hatten das staatliche Elektrizitätsunternehmen Natsionalna Elektricheska Kompania EAD (NEK) und die russische Atomstroiexport JSC ein Zusatzabkommen zu ihrem Bauvertrag für das bulgarische Kernkraftwerk Belene unterzeichnet. Sie verlängern damit den Vertrag bis März 2012. Er wurde bereits einmal verlängert und wäre am 30. September 2011 ausgelaufen. Mit der jetzigen Unterzeichnung des Zusatzabkommens haben die beiden Parteien ihr Interesse an der Weiterführung des Projekts bekundet. In den nächsten sechs Monaten soll eine Marktstudie fertiggestellt und Klarheit über das Finanzierungsmodell geschaffen werden.

Auch der eigentliche Bau geht weiter: Laut Atomstroiexport wurden 2011 die Fundierungsarbeiten für Belene-1 abgeschlossen. Mit der Inbetriebnahme der beiden WWER-1000-Einheiten in Belene würde 2016 beziehungsweise 2017 gerechnet. Die bulgarische Aufsichtsbehörde im Atombereich veröffentlichte kürzlich die Ergebnisse der Stresstests für das Belene-Projekt, wonach es ausreichenden Schutz gegen Naturkatastrophen, wie etwa starke Erdbeben oder Überflutungen gäbe.

Nun verkündet der bulgarische Wirtschafts- und Energieminister Trajtscho Trajkow im Staatsradio, dass man von dem Kraftwerksprojekt Abstand nehme und auf den bestehenden Atomkraftwerkstandort Kosloduj, wo sich zwei AKW in Betrieb befinden, setze: „Für mich ist Kosloduj der logischere, billigere und vernünftigere Standort für einen neuen Block“, so Trajkow. Dort gebe es bereits die notwendige Infrastruktur, Personal sowie Erfahrung bei der Nutzung der Anlage. Belene sei dagegen ein „wunderbarer Standort zur Entwicklung jeder anderen Produktion“, dort „wird es schon irgendetwas geben, wenn auch kein Atomkraftwerk“.

  • Atomkraftgegner fordern nun ein endgültiges Ende des gefährlichen Projekts. Allein der aktuelle „Stresstest“ wird den deutschen Ansprüchen an Sicherheit nicht genüge.
  • Weltweiter Akw-Wiederaufstieg abgebrochen
    2. Januar 2012 – Nachdem sieben Jahre in Folge immer mehr AKW Baustellen auf unserer Erde eingerichtet wurden, brach diese Entwicklung im Jahr 2011 ab. Nur noch zwei AKW-Bauten wurden begonnen.
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Quellen (Auszug): urgewald.de, greenpeace.de, nuklearforum.de, de.ria.ru; europeonline-magazine.eu, de.wikipedia.org; 06.01.2012

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