Die Ausstiegslüge von Siemens

Großmundig reihte sich Siemens-Konzernchef Peter Löscher in die Befürworter des deutschen Atomausstiegs ein und verkündete Mitte September, das traditionelle Atomunternehmen wird künftig keine Reaktoren mehr bauen. Die Realität ist eine andere – und die Geschäfte gehen offenbar ungebremst weiter.

Zuletzt schlugen sowohl der überraschende deutsche Atomausstieg nach der Katastrophe von Fukushima, als auch die gescheiterte Kooperation mit dem französischen Konkurrenten Areva millionenschwer in die Bilanz des Konzerns, der alle deutschen AKW gebaut hat und mit der Wartung Milliarden verdient. „Das Kapitel ist für uns abgeschlossen“, sagte Löscher in einem Spiegel-Interview Mitte September 2011. In Zukunft wolle man nur noch einzelne Bauteile im konventionellen Kraftwerksbereich liefern.

Nach dem Ausstieg aus dem AREVA-Konsortium sollte eine Allianz mit dem russischen AKW-Bauer Rosatom eingegangen werden. 2009 hatten Siemens und Rosatom die Gründung eines Joint-Ventures vereinbart. Siemens versprach sich von der Allianz nach dem Atomausstieg Deutschlands einen Ausbau seiner Kompetenzen im Bereich Atomenergie. Auf diese Zusammenarbeit wird Siemens verzichten. Kooperationsgespräche laufen aber trotzdem: man wolle künftig im Bereich Nuklearmedizin gemeinsam Geschäft machen. Zudem plant Siemens, in den nächsten drei Jahren rund eine Milliarde Euro in Russland zu investieren. 700 000 Euro davon sind für den Energiemaschinenbau geplant, darunter in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem russischen Konzern Power Machines zur Produktion von Turbinen. Diese Bauteile gehören zur konventionellen Kraftwerkstechnik eines Atomreaktors.

Ein noch üblere Bild zeichnen Aussagen Ibrahim Babelli, Strategieberater der „King Abdullah City for Atomic and Renewable Energy (KA-CARE) in Saudi-Arabien: Siemens werde eine „zentrale Rolle beim Bau der Reaktoren“ spielen, sagt der an der Planung des saudischen Atomprogramms beteiligte Ingenieur am Rande des zweiten Deutsch-Arabischen Energieforums in Berlin. Die Botschaft Löschers sei an die deutsche Innenpolitik gerichtet gewesen und habe nichts mit der wirtschaftlichen Realität zu tun: „Siemens hat lediglich das Etikett gewechselt.“

In Saudi-Arabien sollen zur Deckung des steigenden Energiebedarfs bis 2030 17 Atomreaktoren errichtet werden. Diese Generalüberholung der saudi-arabischen Energieproduktion ist ein Milliardengeschäft für die wenigen Unternehmen weltweit, die dabei mitmischen können. Aktuell sei man mit Siemens im Gespräch.

Atomkraftgegner warnen das deutsche Traditionsunternehmen vor Wortbruch:

„Diese Scheinheiligkeit im Handeln ist zwar typisch für Atomunternehmen, aber diese Machenschaften sind derart dreist und intransparent, dass es einer Abmahnung durch die Bundesregierung bedarf“, fordert Jan Becker von contrAtom. „Der deutschen Bevölkerung den Atomausstieg vorgaukeln und unter minderen Sicherheitsbestimmungen in anderen Ländern Reaktoren bauen, das ist Grund genug für einen Siemens-Boykott!“

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Quellen (Auszug): www.zenithonline.de, de.ria.ru, aktuell.ru; 25.10.2011

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