Asse-II: Schwarz/gelb drückt sich vor Verantwortung

125.000 Fässer mit schwach- und mittelaktiven Atomabfällen wurden teilweise ohne Rückholoption einfach abgekippt. Es gab kein Versuchs- sondern faktisch ein Endlager. Nun dringt Wasser ein und es droht einzustürzen. Und schwarz/gelb drückt sich vor der Verantwortung, die Atommüllberge aus dem havarierten Endlager Asse-II zu bergen – und pokert auf eine Billiglösung.

Atomexperte Michael Sailer, Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundes, bringt es auf den Punkt: in der Asse-II „sind schlicht Fehler gemacht worden“, sagte er der „Zeit“. Die Behauptung, die beteiligten Organisationen hätten kein End-, sondern nur ein Versuchslager errichten wollen, sei „eine glatte Lüge“. Alle Fässer seien so abgekippt worden, „dass sie unten bleiben und nicht, wie bei einem Versuchslager, zurückgeholt werden könnten. Außerdem sind 125.000 Fässer längst kein Versuch mehr“, sagte Sailer.

Seit 1988 dringen täglich rund 12.000 Liter salziges Grundwasser in das Bergwerk ein. Experten gehen davon aus, dass die Stabilität des Grubengebäudes nur noch bis 2020 gewährleistet ist. Eigentlich sollten die Fässer deshalb geborgen werden. Seit einem Vergleich verschiedener Schließungsoptionen Anfang 2010 setzt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) als Betreiber der Asse auf die Bergung als beste Lösung zur sicheren Stilllegung des Bergwerks. Für einen Eindruck zum Zustand sollen zwei Einlagerungskammern ab Dezember 2011 angebohrt werden. Keine beschlossene Sache – aber vor allem gegenüber der alarmierten Bevölkerung als die favourisierte Lösung dargestellt. Auch wird bereits nach Flächen gesucht, wo der Müll oberirdisch gelagert werden könne.

Einlagerungskammern Asse-II

Einlagerungskammern Asse-II

Schwarz/gelb will sich auf diese Option – und damit dem endgültigen Eingeständnis des Scheiterns der Asse-II und der Unmöglichkeit, „Langzeitsicherheit“ gewährleisten zu können – allerdings nicht verständigen. Es gebe „noch offene Punkte, die die Realisierbarkeit schwieriger als geplant gestalten und sogar infrage stellen könnten“, heißt es in einem der Nachrichtenagentur dapd vorliegenden Sachstandsbericht des Umweltministeriums (BMU) an Bundestagsabgeordnete. Als „grundlegende Unsicherheiten“ für eine Rückholung des Atommülls nennt das Ministerium den Zustand der Einlagerungskammern und der Abfallfässer sowie die Menge und Zusammensetzung des radioaktiven und chemischen Inventars. Ungeklärt sei auch noch die „Möglichkeit zur Realisierung schnell wirksamer Notfall- und Vorsorgemaßnahmen“. „Aufgrund dieser nicht unerheblichen Unsicherheit hat sich das BMU dazu entschlossen, zurzeit keine endgültige Entscheidung für die Stilllegung der Schachtanlage Asse II zu treffen“, heißt es in dem Bericht. Auch eine Teilrückholung etwa des mittelaktiven Mülls – wie von Fachleuten vorgeschlagen – ist von schwarz/gelb nicht gewollt.

 

  • Die schon seit Jahrzehnten in bestimmten Kreisen favourisierte und deutlich billigere Lösung wäre das Verfüllen und endgültige Verschließen des Bergwerks mit Salzbeton – ohne die Möglichkeit, jemals wieder an den Atommüll heranzukommen. Auch bei einem „Notfall“ wie dem Zusammenbruch würde das Bergwerk verfüllt werden. Spielt schwarz/gelb also auf Zeit, wird also auf die Billiglösung gepokert.

Der Umweltausschuss des Bundestages sprch sich bei einem kürzlichen Besuch der Asse überwiegend für eine beschleunigte Rückholung der radioaktiven Abfälle aus. Die 15 Abgeordneten zeigten sich fassungslos, dass die Anlage einst als unbedenklich eingestuft werden konnte.

Atomkraftgegner warnen, von dem Entschluss der Fässer-Bergung wieder Abstand zu nehmen: „Schon heute rinnt radioaktive Brühe durch das Bergwerk und eine Verseuchung des Grundwassers und der Umgebung kann nicht ausgeschlossen werden“, so Jan Becker von contrAtom. Erst im Juni war bekannt geworden, dass mehr hochgiftiges Plutonium in der Asse lagert als bislang angenommen. Im April war die höchste Strahlung seit Messungsbeginn in 1978 ermittelt worden: etwa 240.000 Becquerel pro Liter, 24 Mal höher als die erlaubte Freigrenze. „Die Verseuchung ist keine Frage ‚ob‘, sondern ‚wann‘. Das ist ein gefährliches Spiel auf Kosten der Menschen, die in der Region leben. Und schwarz/gelb pokert offenbar auf eine Billiglösung. Das ist fahrlässig und verantwortungslos!“

Insgesamt wurden zwischen 1967 und 1978 mehr als 125.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll in das ehemalige Salzbergwerk Asse II bei Braunschweig gebracht. Der größte Teil der Abfälle stammt direkt oder nach Behandlung in der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe aus deutschen Atomkraftwerken.

  • Deutlich mehr Plutonium in der Asse
    16. Juni 2011 – Im maroden Atommülllager Asse ist möglicherweise deutlich mehr Plutonium und Uran eingelagert als bislang bekannt. In einem Gutachten kommt der TÜV Süd zu dem Ergebnis, dass in der Schachtanlage 3,24 Kilogramm Plutonium und 2,274 Kilogramm Uran mehr enthalten sind als bislang angenommen. Eigentlich weiss niemand, was in dem Bergwerk an radioaktivem Müll lagert.
  • GAU in der Asse: Verseuchung geht weiter
    14. April 2011 – Die schwerste radioaktive Verseuchung seit Beginn der Messungen in 1978 stellten die Betreiber des ehemaligen Endlagerbergwerkes Asse-II fest: in einer Lösungsprobe ein Strahlungswert von etwa 240.000 Becquerel pro Liter gemessen. Der Wert liege 24 Mal höher als die erlaubte Freigrenze.
  • Erhöhte Krebserkrankung um die Endlager Asse und Morsleben
    28. November 2010 – Um die zwei Endlagerbergwerke in Deutschland, in denen Atommüll eingelagert wurde, ist die Erkrankung an Blutkrebs signifikant erhöht. Laut Krebsregister sind doppelt soviele Menschen an Leukämie erkrankt, als im Bundesdurchschnitt. Nun müssen Untersuchungen folgen, um die Ursachen zu klären. Das es einen Zusammenhang mit dem Atommüll gibt, kann nicht ausgeschlossen werden. Erste “Experten” erklären einen Zusammenhang mit dem Atommüll schonmal als unwahrscheinlich.

Quelle (Auszug): spiegel.de, berlinerumschau.de; 05.10.2011

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