Grenzwerte für Radioaktivität sind „kalkulierter Strahlentod“

Die Strahlen-Grenzwerte für Lebensmittel in der EU und in Japan sind viel zu hoch angesetzt, sie bieten keinen ausreichenden Gesundheitsschutz. foodwatch und die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) fordern eine drastische Senkung der Grenzwerte. Mit einer Mailingaktion sollen zuständigen Politiker in Bundesregierung und EU-Kommission aufgefordert werden, die Grenzwerte drastisch zu senken!

„Sichere“ Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln gibt es nicht. Jede noch so geringe radioaktive Strahlung bedeutet ein gesundheitliches Risiko, weil sie ausreicht, schwere Erkrankungen wie Krebs auszulösen. Damit ist jede Grenzwertfestsetzung eine Entscheidung über die Zahl von Todesfällen, die toleriert wird.

„Radioaktivität beeinträchtigt lebende Zellen. Selbst kleinste Strahlendosen können die Erbinformation verändern, das Immunsystem schädigen, Krebs auslösen – das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche. Je jünger ein Kind, desto schneller wächst es, desto mehr Zellteilungen finden statt, desto größer ist die Gefahr von Strahlenschäden. Ein Embryo ist um ein Vielfaches strahlensensibler als jeder andere Mensch. Die EU-Strahlenschutzgrenzwerte sind aus ärztlicher Sicht nicht verantwortbar“, so Kinderarzt Dr. med. Winfrid Eisenberg vom IPPNW.

Nötig ist, die EU-Höchstgrenzen für Cäsium von 600 auf 16 Becquerel pro Kilogramm Lebensmittel zu senken, für Babynahrung und Milchprodukte von 370 auf 8 Becquerel. Radioaktives Jod 131 mit seiner kurzen Halbwertszeit von acht Tagen darf gar nicht toleriert werden. Das ist das Ergebnis der Studie „Kalkulierter Strahlentod – Die Grenzwerte für radioaktiv verstrahlte Lebensmittel in EU und Japan“, die Vertreter der beiden Organisationen am Dienstag in Berlin vorgestellt haben. Die Studie wurden von Sebastian Pflugbeil und Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz erstellt.

„Die in EU und Japan geltenden Grenzwerte sind unzumutbar hoch, sie folgen wirtschaftlichen Interessen und setzen die Bevölkerungen unnötig massiven gesundheitlichen Risiken aus. Aus den europäischen Grundrechten, in denen das Vorsorgeprinzip und das Recht auf körperliche Unversehrtheit verankert sind, erwächst eine Handlungsverpflichtung für die europäische Politik: Sie muss die Grenzwerte drastisch senken, um ein angemessenes Schutzniveau für die Bürger zu gewährleisten“, so Thilo Bode von foodwatch.

Auch im internationalen Vergleich seien die Grenzwerte deutlich zu hoch angesetzt. In Deutschland dürften laut foodwatch zum Beispiel Pilze verkauft werden, die in der Ukraine und in Weißrussland aus dem Verkehr gezogen werden müssten. Besonders kritikwürdig sind auch die gesetzlich erlaubte Möglichkeit, im Fall eines Super-GAUs die Grenzwerte – per „Schubladenverordnung“ – noch weiter heraufzusetzen. „Die Zelle interessiert es nicht, ob gerade ein Atomunfall stattgefunden hat“, so Sebastian Pflugbeil. „Sie wird einfach geschädigt.“

Mailingaktion „Strengere Grenzwerte!“

Mithilfe einer Protestmail an den EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz John Dalli, seinen deutschen Kollegen im EU-Parlament Günther Oettinger, die Ministerin für Verbraucherschutz Ilse Aigner und den Umweltminister Norbert Röttgen soll nun Druck ausgeübt werden: Strengere Grenzwerte!

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Quellen (Auszug): foodwatch.de, dpa, news.yahoo.com; 20.09.2011

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