AKW-Debakel Europäischer Druckwasserreaktor

Es war der ersten Reaktorneubau in Europa seit der Tschernobyl-Katastrophe 1986: Der „Europäische Druckwasserreaktor“ sollte die Renaissance der Atomkraft einläuten. 2005 wurde mit dem Bau in Finnland begonnen, Ende 2007 in Frankreich mit einem zweiten Reaktor. Seitdem gibt es Pleiten, Pech und Pannen.

Das Kraftwerk Olkiluoto-3 in Finnland sollte – schlüsselfertig zum Festpreis vom französischen AKW-Bauriesen AREVA und der deutschen Firma Siemens angeboten – drei Milliarden Euro kosten. Bis heute hat sich diese Summe wegen Verzögerungen beim Bau und fehlenden Einnahmen durch Stromerlöse auf mindestens 5,3 Milliarden Euro fast verdoppelt. Grundsteinlegung für Olkiluoto-3 war im September 2005, sieben Monate später lagen die Bauarbeiten sechs Monate hinter dem Zeitplan. 2009 sollte der Reaktor betriebsbereit sein – nun planen die Verantwortlichen mit 2013.

Frankreich begann im Dezember 2007 mit dem Bau eines zweiten „EPR“ im eigenen Land. Nun wurde bekannt, dass sich die Fertigstellung um vorraussichtlich weitere zwei Jahre verzögern wird. Die Inbetriebnahme sei nun 2016 geplant, teilte der französische Elektrizitätskonzern EDF mit. Ursprünglich solle das neue Atomkraftwerk bereits 2012 in Betrieb gehen. Vor einem Jahr wurde der Termin auf 2014 verschoben – nach einer Reihe von technischen Problemen auf der Baustelle am Ärmelkanal.

Die Kosten für den angeblich „inhärent sicheren Reaktor“ beziffert EDF nun auf sechs Milliarden Euro – fast doppelt soviel wie die ursprünglich veranschlagte Summe von 3,3 Milliarden Euro. Vor einem Jahr war noch von fünf Milliarden Euro die Rede.

Die Kritikliste am „Europäischen Druckwasserreaktor ist lang:

  • Ende 2009 wurde die Kompetenz und Zuverlässigkeit der Atomaufsicht ASN in Frage gestellt. Die Behörde sei entweder „unfähig“ oder habe „bewusst entschieden, sich zu den Fehlern des EPR in Schweigen zu hüllen, um so nicht die Interessen der französischen Atomindustrie zu gefährden“, so das französiche Atomausstiegsbündnis Sortir du nucléaire. Die ASN sowie die britische und finnische Atomaufsicht hatten in einer gemeinsamen Erklärung auf schwere Sicherheitsmängel bei den durch den französischen Atomkonzern Areva errichteten Reaktoren verwiesen. Demnach sind das normale Kontrollsystem und das für Notfälle eingerichtete Sicherheitssystem anders als vorgesehen nicht strikt voneinander getrennt. Damit bestehe die Gefahr, dass beide Systeme gleichzeitig ausfallen könnten. Bei einem Unfall könnte damit die Kontrolle über den Reaktor verloren gehen. Areva müsse deshalb „die ursprüngliche Konzeption des EPR verbessern“. Laut Sortir de Nuclaire habe ASN die Gefahr „einer oder mehrerer Nuklearkatastrophen in Kauf genommen“.
  • Auch der EPR produziert Atommüll, für den es weltweit keine Lösung gibt.
  • Der Euroreaktor ist groß statt sicher. Die elektrische Leistung von 1600 Megawatt stellt nach Ansicht der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) eine Abkehr von der einst geforderten „inhärenten Sicherheit“ dar. Doch um die Stromkosten nicht völlig ausufern zu lassen, setzt man bei Siemens und Areva „mehr auf supergroß als auf supersicher“.
  • Der EPR verfügt nicht über genügend passive Sicherheitssysteme, sondern setzt immer noch auf störanfällige Armaturen und Pumpen mit Motorantrieb, die bei einem Ausfall der Stromversorgung versagen.
  • „Die wesentliche Neuentwicklung des Europäischen Druckwasser-Reaktors ist ein Auffangbecken, in das – im Falle einer Kernschmelze – diese abfließen und gekühlt werden soll. Die IPPNW hält auch dieses zentrale Sicherheitssystem für nicht überzeugend. Einerseits müsste das Becken absolut trocken sein wenn sich die Schmelze darin ausbreiten soll, weil es sonst zu gefährlichen Dampfexplosionen kommen könnte. Andererseits müsste zur Kühlung der Kernschmelze diese anschließend gezielt mit Wasser bedeckt werden, was aber die gefürchteten Dampfexplosionen geradezu herbeiführen kann.“ (Zitat IPPNW)
  • Auch in einem Euroreaktor ist eine Kernschmelze möglich. „Siemens und Areva versuchten auf der Basis des ökonomisch Machbaren eine Lösung gegen die Gefahr eines Super-GAUs (schwerer Kernschmelzunfall mit massiver Freisetzung von Radioaktivität) zu finden; doch keine der geplanten technischen Vorkehrungen kann als ‚Lösung‘ bezeichnet werden: So sind die Sicherheitsvorkehrungen innerhalb des EPR gegen eine unkontrollierte Kernschmelze allesamt auf ‚Niederdruckkernschmelzen‘ ausgelegt. Ihre Funktionsfähigkeit ist sehr umstritten“. (Zitat Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz – BBU)
  • Wegen des fixen Preises stehe Areva unter enormem Kostendruck und wähle deshalb die günstigsten und nicht die besten Zulieferer.

Wir fordern, das Konzept „Europäischer Druckwasserreaktor“ zu beenden! Es ist teuer, nicht mehr zeitgemäß und gesellschaftlich auch nicht mehr gewollt.

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Quelle: news.yahoo.com, contratom.de, verivox.de, mitwelt.org; 21.07.2011

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