Atomausstieg? Die Wahrheit Teil 14: Forschungsreaktoren laufen weiter

Deutschland steigt aus. Bis 2022 sollen in einem Stufenplan alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden, das erste bereits 2015. Schwarz/gelb feiert das eigene Einknicken im Fortbestand der Atomenergie als Erfolg, rot/grün stimmt mit dem Argument “alternativlos” zu. Doch die deutschen Forschungsreaktoren bleiben unangetastet.

In Deutschland befinden sich neben den neun Atomkraftwerken zur Strompruduktion noch drei Forschungsreaktoren in Betrieb:

  • Berliner Experimentier-Reaktor II, Inbetriebnahme 1973
  • Forschungsreaktor München II, Inbetriebnahme 2004
  • Forschungsreaktor Mainz, Inbetriebnahme 1965

13 Reaktoren mit einer Leistung von mehr als 50 Kilowatt wurden bereits stillgelegt und teilweise abgebaut.

Forschungsreaktor München II

Der „Forschungsreaktor München II“ zur Herstellung von Neutronen und Materialbestrahlung ist nicht nur der einzige Neubau eines Atomreaktors in Deutschland seit Tschernobyl. Er ist auch der einzige Reaktor weltweit, dessen Entwickler ein Abrüstungsprogramm nutzten, um Abrüstungsziele zu unterlaufen. Denn als Spaltstoff wird hochangereichertes Uran verwendet, was atomwaffentauglich ist. Von den 40 Kilogramm Uran, die jährlich in Garching verwendet werden, ist nur die Hälfte notwendig, um eine Atombombe des Typs Hiroshima zu bauen. Daher ist dieser radioaktive Stoff seit den 1980ern weltweit geächtet. Hier wurde das völkerrechtlich wesentlich hochwertigere Gut, die Verbreitung von atomwaffenfähigem Uran zu reduzieren, dem viel geringwertigerem Gut geopfert, billiger mit dem Kopf durch die Wand einen Forschungsreaktor zu bauen.

Die Technische Universität München (TUM) sollte eigentlich bis 2010 auf nicht-atomwaffentaugliches Uran umstellen, weigert sich aber mit Verweis auf den Betrieb. Dieser sei mit leicht-angereicherter nicht möglich. Bis 2016 soll der Reaktor weiter mit dem Bombenstoff betrieben werden. Renommierte Wissenschaftler kritisieren nicht nur dieses halbherzige Ziel, sondern widerlegen auch die Einschätzung des Ministeriums und der TUM. Allein aus Kostengründen habe man sich damals für den gefährlicheren Betriebsstoff entschieden.

Regelmäßig ereignen sich auch im FRM-II Störfälle. Seit Betriebsbeginn im Durchschnitt einmal pro Jahr, kürzlich fand der Betreiber Rost an Wellenbuchsen zweier Armaturen des Schwerwassersystems.

Weitere Sicherheitsbedenken sind neben dem Austritt von Strahlung oder einer Kernschmelze wurde auch die Nähe zum Münchner Flughafen, der nur 10km entfernt ist. Der Betreiber wirbt mit „inhärenter Sicherheit“, der FRM II würde über die umfassendsten Sicherheitseinrichtungen für Forschungsreaktoren weltweit verfügen. Die verbrauchten Brennelemente, derzeit etwa 1.400kg, enthalten noch zu 80 Prozent angereichertes Uran. Sie müssen also ewig gegen unbefugte Zugriffe gesichert werden, an einem Ort, der erst noch gefunden werden muss.

Berliner Experimentier-Reaktor II

Der Umweltausschuss des Abgeordnetenhauses in Berlin beschloss nach Fukushima und einem jüngsten Störfall „die vollständige Sicherheitsüberprüfung des Berliner Forschungsreaktors vor der Entscheidung über den Weiterbetrieb“. Der Reaktor, der eine deutlich kleinere Leistung als ein AKW hat, steht derzeit wegen Wartungsarbeiten still.

Laut einem Bericht des TÜV Rheinland befindet sich ein Riss im Reaktor, „an einer Schweißnaht im Bereich der Trennwand zwischen Absetzbecken und Betriebsbecken“. Diese Becken bildeten das zentrale Kühlsystem. Der TÜV-Bericht bewertet den Riss als „nicht sicherheitsrelevant“.

„Beim Forschungsreaktor in Wannsee haben wir es definitiv mit sicherheitsrelevanten, technischen Problemen zu tun. Zum Glück ist der Reaktor zurzeit abgeschaltet, im Rahmen einer längeren Wartungspause. Vor der geplanten Wiederinbetriebnahme Mitte August sollten diese technischen Probleme unbedingt behoben sein“, so Dr.-Ing. Thilo Scholz, ehemaliger Mitarbeiter im Helmholtz-Zentrum Berlin.

Der Betreiber des Reaktors, das Helmholtz-Zentrum Berlin und die Berliner Umweltbehörde streiten die Sicherheitsmängel ab. Denn der Riss würde sich nur bei einem schweren Störfall, einem größeren Leck, negativ auswirken. Und dieser Störfall könne niemals eintreten, behauptet die Atomaufsicht. Der Reaktor und die Notsysteme wurde vom Hersteller völlig unzureichend ausgelegt, bemängeln Kritiker.

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Forschungsreaktor Geesthacht

Der Betrieb des Atom-Forschungsreaktor in Geesthacht, unweit des AKW Krümmel, endete nach über 50 Jahren im Juni 2010. Seitdem wird der Rückbau geplant: Ein Großteil der Versuchsanlage soll in einer Einrichtung bei St. Petersburg weiterbetrieben werden. Die Brennelemente seien mittlerweile so weit abgeklungen, dass eine Kühlung nicht mehr erforderlich ist. Strahlende Teile sollen in das Endlager Schacht Konrad, die Rückbau-Kosten belaufen sich auf etwa 150 Millionen Euro. Bis 2030 soll die „grüne Wiese“ hergestellt werden. Insgesamt rechnet man mit schätzungsweise 1.800 Lastwagen-Ladungen Abfall. Problem ist: Ob und wann Schacht Konrad in Betrieb gehen wird, ist völlig offen.

Das Forschungszentrum Geesthacht ist immer wieder in der Kritik wegen vermeintlicher Atomversuche, die zu einer Verstrahlung der Umgebung und einer erhöhten Leukämieerkrankung geführt haben. Offiziell gibt es dafür keine Beweise, aber eine Reihe von Belegen und Ungereimtheiten.

Quellen (Auszug): bz-online.de, rbb-online.de, nachrichten.t-online.de, taz.de, de.wikipedia.org, welt.de, shz.de; 08.07.2011

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