Atomausstieg – Die Wahrheit Teil 6: Trotz Atomausstieg mehr Geld für Atomforschung

Deutschland steigt aus. Bis 2022 sollen in einem Stufenplan alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden, das erste bereits 2015. Schwarz/gelb feiert das eigene Einknicken im Fortbestand der Atomenergie als Erfolg, rot/grün stimmt mit dem Argument “alternativlos” zu. Doch die Atomforschung erhält sogar noch mehr Geld als noch im Vorjahr – unter anderem für zum Scheitern verurteilte Projekte.

Millionenbeträge fließen an Gesellschaften, die sich dem Weiterbetrieb der Atomanlagen verschrieben haben: Einrichtungen wie die Helmholtz-Gesellschaft würden derzeit pro Jahr mit 32 Millionen Euro gefördert. Diese Summe soll im kommenden Jahr auf 35 Millionen Euro steigen. Dazu kämen 10 Millionen Euro, die direkt in Forschungsprojekte fließen. „Das zeigt: Atomforschung bleibt wichtig“, so Forschungsministerin Annette Schavan (CDU). Auch in Zukunft brauche Deutschland Kompetenz, um international sprech- und urteilsfähig zu sein.

  • Es geht konkret zum Beispiel um das „Transmutationsverfahren“, das radioaktive Isotope umwandeln soll und ihre Halbwertzeit drastisch verkürzen. Es sei „hochinteressant“, so Schavan mit Blick auf die ungelöste Endlagerfrage.

Auch in die Forschung der Fusionstechnik investiert Deutschland: Trotz der in den vergangenen Jahren explodierten Baukosten will Deutschland sich auch künftig am Pilotprojekt ITER in Frankreich beteiligen.

Im vergangenen Jahr sah die Mittelverteilung auf Bundesebene folgendermaßen aus: 618 Mio. € stellte die Bundesregierung für Energieforschung insgesamt zur Verfügung, das BMBF gab im Vergleich zu anderen Ministerien mit 289 Mio. € die meisten Mittel aus. Aus dem Gesamtbetrag flossen 199 Mio. € in erneuerbare Energien sowie 216 Mio. € in Mittel für Energieeffizienz. Mehr Gelder gingen hingegen in die Kerntechnik: 134 Mio. € wurden in Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Versuchsanlagen investiert, die nicht zum Energieforschungsprogramm gezählt werden. Für nukleare Sicherheits- und Endlagerforschung wurden 72 Mio. € und für Kernfusionsforschung 131 Mio. € ausgegeben.

Noch deutlicher ist die Schieflage auf europäischer Ebene. Hier fließt der Löwenanteil in die Kernfusion: Für erneuerbare Energien und Energieeffizienz wurden 126 Mio. € aufgewendet, Forschung für Energiespeicher, Netztechnik, Kohleverstromung, fossile Brennstoffe sowie Kohlendioxid-Abscheidung werden nur mit 74 Mio. € gefördert. In die Reaktorsicherheit und Abfallbehandlung hingegen flossen 32 Mio. €, in die Kernfusionsforschung 488 Mio. €.

ITER – Fusionsreaktor-Seifenblase

Es soll eines der größten Forschungsprojekte der Welt werden – und dabei helfen, die Zukunft der Energieversorgung auf der Menschheit zu sichern. Vielleicht. Der Plan ist ambitioniert, doch seine Realisierung steht auf wackligen Füßen: Im Inneren des Forschungsreaktors „Iter“ in Südfrankreich soll eines Tages Plasma aus den Wasserstoffisotopen Deuterium und Tritium in starken Magnetfeldern eingeschlossen und auf bis zu 150 Millionen Grad erhitzt werden – und beim Prozess der Kernfusion große Mengen an Energie freisetzen. Doch die technischen Herausforderungen sind groß, die Kosten explodieren.

Das Projekt, für das derzeit die Baugrube ausgehoben wird, sorgt aber immer wieder für negative Schlagzeilen: Aktuell verzögert sich der Bau des Versuchsreaktors um „mindestens ein Jahr“. Hintergrund sind die Folgen von Erdbeben und Tsunami in Japan. Das Land liefert wichtige Teile für den Bau im südfranzösischen Cadarache. Doch im Naka Fusion Institute, nördlich von Tokio seien die Gebäude, in denen unter anderem Magneten für das Projekt erforscht werden, schwer beschädigt und gesperrt worden. Damit wird das Iter-Projekt wieder einmal in die Zukunft hinausgeschoben.

  • Der Bau sollte nach bisheriger Planung bis 2018 abgeschlossen sein und etwa 2050 Strom produzieren. Die prognostizierten Kosten für die „Sonne auf Erden“ sind astronomisch und bereits von etwa 5 auf 16 Milliarden Euro gestiegen.

Die Fraktion der Grünen im Bundestag fordert einen Baustopp und eine „ernsthafte Überprüfung und Neubewertung des Iter-Projekts“, wie es in einem Antrag heißt, der kommende Woche ins Parlament eingebracht werden soll.

An dem Forschungsprojekt sind neben der EU und Japan auch Indien, China, Südkorea, Russland und die USA beteiligt. Ursprünglich hatte sich Japan auch mit einem Standort um den Bau des Iter beworben. Die EU hat ihren Anteil an der Finanzierung 2010 auf 6,6 Milliarden Euro begrenzt. Deutschland finanziert über die Euratom-Verträge davon etwa 1,3 Milliarden. Diese Ausgaben sind nach Angaben des Bundesforschungsministeriums vom Atomausstieg völlig unabhängig und werden weitergezahlt.

Steuergelder für Atomwerbung

Öffentlich geförderte Forschungseinrichtungen und Staatsbetriebe zahlen teilweise seit Jahrzehnten Mitgliedsbeiträge an Lobbyverbände der Atomwirtschaft. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor. Insgesamt sind Beitragszahlungen an die Atomlobby in Höhe von mindestens 500 000 Euro belegt.

  • Alleine das zu 100 Prozent von Bund und Land geförderte Helmholtz Zentrum Berlin für Materialien und Energie überwies seit 1971 mehr als 50 000 Euro.
  • Die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE) ist seit 1980 Mitglied im Atomforum und in der KTG, seit 1984 beim „Wirtschaftsverband Kernbrenstoff-Kreislauf“. Sie zahlt an die drei Vereinigungen jährlich mehr als 20 000 Euro. Die DBE war ursprünglich ein Staatsbetrieb, in den 80er Jahren wurde sie privatisiert.
  • Die Deutsche Bahn hat nach Regierungsangaben seit 1963 mehr als 75 000 Euro Mitgliedsbeiträge an das Atomforum gezahlt.

Atomkraftgegner sind entrüstet: Über die Kosten der Energiewende werde gefeilscht, für weitere atomare Großprojekte sind aber Milliarden da:

„Das ist schyzophren – hier offenbart sich das eigentliche Interesse der Wirtschaft. An einer nachhaltigen Energiewende, die auf dezentralen kleinen Anlagen berucht, hat niemand Interesse. Dabei steckt darin der tatsächliche Ausweg aus der Abhängigkeit von fossilen und atomaren Brennstoffen, Blackouts und hohen Stromkosten.“, so Jan Becker von contrAtom. „Die Bundesregierung hält sich schon wieder an zum Scheitern verurteilten Strohhalmen wie der Atomfusion oder Transmutation fest, die ein Rettungsanker für ihre Atomenergie sein sollen. Auch dagegen richtet sich unser Protest!“

Wir fordern, die Forschungsgelder zu streichen und in die Energiewende zu investieren!

  • Karlsruhe: Grün-Rot ermöglicht Forschung für neue Atomreaktoren
    6. April 2012 – Mit tatkräftiger Unterstützung des grünen Umweltministeriums Baden-Württemberg hat das Institut für Transurane (ITU) am 23.3. 2012 nun auch noch den gemeinderätlichen Segen für die Weiterentwicklung von Brennstoffen für die 4. Generation von Atomkraftwerken erhalten. Atomkraftgegner fordern die sofortige Einstellung der Forschungen mit radioaktiven Substanzen.
  • Atomfusion als letzter Strohhalm
    Aufgrund der beschränkten Vorhandenheit des fossilen Rohstoffes Uran als Brennstoff in herkömmlichen Atomreaktoren und dem missglückten Versuch der „Schnellen Brüter“ bleibt der Atomindustrie als zeitbezogene Perspektive allein die des Atomfusionsreaktors, von dem heute niemand wissen kann, ob er jemals funktionieren wird.
  • Transmutation
    Atommüll-Transmutation – teuer, ungewiss und gefährlich. “Transmutation” – die Lösung für das Atommüllproblems? Mithilfe chemischer und physikalischer Verfahren sollen langlebige Isotope, die Jahrtausende gefährlich strahlen, unschädlicher gemacht werden. Ihre Halbwertzeit soll drastisch reduziert werden und damit auch der Aufwand für eine Endlagerung. Eines der gewichtigsten Argumente gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke wäre relativiert: die Frage nach der Langzeitsicherheit von Atommülllagern. Doch erstmal kostet die Entwicklung erheblich Geld, ist gefährlich und grundsätzlich ist ungewiss, ob sie im großen Stil funktioniert.

Quellen (Auszug): vdi-nachrichten.com, 24.06.2011; taz.de, 26.06.2011; tagesspiegel.de, 23.06.2011

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