Atommüll aus dem AKW Biblis: Gift für Generationen

Gift für Generationen: hr-online.de hat eine Bilanz über den Atommüll aus den beiden Atomreaktoren Biblis aufgestellt. Seit 1974 hat das Atomkraftwerk mehr als 500 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Profitiert haben davon tausende Beschäftigte des Kraftwerks, zahlreiche Unternehmen in der Region und die Bürger der Gemeinde Biblis. Für den Betreiber RWE und für die Staatskasse war es sicherlich nicht minder profitabel. Die Quittung kommt noch: Tausende Tonnen radioaktiven Abfalls warten auf ihre Endlagerung.

Wo ist der hochradioaktive Atommüll aus Biblis?

Wo ist der hochradioaktive Atommüll aus Biblis? hr-online.de

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Seit Ende März ist Biblis A vom Netz, Block B war schon vorher wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Ob sie je wieder ans Netz gehen werden, ist ungewiss. Gewiss ist: Die Segnungen des Atomkraftwerks sind flüchtig. Der Strom ist verbraucht – und spätestens in ein paar Generationen werden die Menschen von den Gewinnen des Atomkraftwerks und den daraus erschaffenen Sachwerten keinen nennenswerten Nutzen mehr haben.

Was dagegen den nachfolgenden Generationen erhalten bleibt, sind tausende Tonnen Giftmüll. Wo dereinst die hochradioaktiven Reste der Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken endgelagert werden, ist noch nicht geklärt. Derzeit befinden sie sich in verschiedenen Zwischenlagern in Deutschland, England und Frankreich.

Wo ist der hochradioaktive Atommüll aus Biblis?

Die Grafik zeigt die seit Inbetriebnahme von Biblis angefallenen Mengen hochradioaktiven Mülls und die derzeitigen Lagerorte.

Seit Inbetriebnahme des Atomkraftwerks in Biblis haben die Reaktorblöcke A und B insgesamt 3114 Brennelemente verbraucht. Diese Brennelemente sind mit Uran bestückt, so dass in Biblis bislang 1665 Tonnen dieses Schwermetalls als hochradioaktiver Müll angefallen sind.

Ist ein Brennelement verbraucht, wird es zunächst vom Reaktor in das Abklingbecken des Reaktorgebäudes verbracht, wo es abkühlen kann. In Biblis lagern derzeit 560 Brennelemente bzw. 299 Tonnen Schwermetall in den Abklingbecken der Blöcke A und B. Weitere 969 Brennelemente mit einer Gesamtmenge von 518 Tonnen befinden sich in Castorbehältern im Zwischenlager des Atomkraftwerks.

Ins Ausland und zurück

Bis 2005 war es deutschen Atomkraftwerksbetreibern erlaubt, verbrauchte Brennelemente an Wiederaufbereitungsanlagen zu liefern. Von Biblis wurden 1533 Brennelemente bzw. 820 Tonnen Schwermetall zur französischen Anlage La Hague auf der Halbinsel Cotentin am Ärmelkanal geliefert. Nach Sellafield in Westengland gelangten 52 Brennelemente bzw. 28 Tonnen Schwermetall.

In diesen Anlagen wurde ein kleiner Teil des Uranbrennstoffs zurückgewonnen und wieder in den Brennstoffkreislauf zurückgeführt. Der Großteil wartet nun als Müll auf seine Endlagerung.

Beim Aufbereitungsprozess der Brennstäbe aus Biblis in La Hague entstanden drei Sorten von wärmeentwickelndem, radioaktivem Müll:

  • 461 hochradioaktive HAW-Glaskokillen mit einem Gesamtinhalt von 212 Tonnen
  • 626 „CSD-C“ Gebinde mittelradioaktiver Abfälle mit einem Gesamtinhalt von 375 Tonnen
  • 92 mittelradioaktive „CSD-B“ Glasprodukte aus der Betriebswasseraufbereitung mit einem Gesamtinhalt von 42 Tonnen.

Von diesem Müll wurden bislang 414 der HAW-Glaskokillen mit einem Gesamtgewicht von 191 Tonnen, verteilt auf rund 15 Castorbehälter, zum Zwischenlager Gorleben transportiert. Die restlichen 21 Tonnen HAW-Glaskokillen sowie die gesamten mittelradioaktiven Abfälle lagern noch in La Hague und sollen bis zum Jahr 2024 wieder nach Deutschland gebracht werden.

Beim Wiederaufbereitungsprozess in Sellafield entstanden die gleichen Abfallsorten wie in La Hague. Allerdings verbleiben aufgrund einer Vereinbarung zwischen Deutschland und Großbritannien sämtliche mittelradioaktiven Abfälle in Sellafield, dafür nimmt die Bundesrepublik im Gegenzug knapp fünf Prozent mehr hochradioaktive HAW-Glaskokillen zurück, als es rein rechnerisch der gelieferten Menge verbrauchter Brennelenmente entspricht. Bezogen auf die aus Biblis nach Sellafield gelieferten 52 Brennelemente bedeutet das, dass die derzeit dort lagernden 18 HAW-Glaskokillen mit einem Gesamtgewicht von 8,3 Tonnen zurückgenommen werden müssen.

Laut Bundesamt für Strahlenschutz sind diese Transporte für den Zeitraum von 2014 bis 2017 geplant. Ein Endlager für diese Abfälle ist noch nicht gefunden.

Der meiste Müll wird kaum beachtet

Schwach- und mittelaktive Abfälle aus dem AKW Biblis

Schwach- und mittelaktive Abfälle aus dem AKW Biblis; hr-online.de

Die öffentlichkeitswirksamen Proteste gegen Castor-Transporte vom Ausland nach Deutschland werden also vermutlich noch einige Jahre andauern. Allerdings machen die wärmeentwickelnden hoch- und mittelradioaktiven Abfälle nur etwa zehn Prozent der Gesamtmenge des in deutschen Atomkraftwerken anfallenden verstrahlten Mülls aus. Gleichzeitig enthalten diese zehn Prozent jedoch mehr als 99 Prozent der im gesamten verstrahlten Kraftwerksabfall enthaltenen Radioaktivität.

Ungleich größer ist dagegen die Menge derjenigen Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung aus dem Kraftwerksbetrieb: Deren Anteil am Gesamtmüll beträgt rund 90 Prozent, enthält jedoch weniger als ein Prozent der Radioaktivität. Die riesigen Mengen dieses Mülls sorgen für weitaus weniger öffentliche Aufmerksamkeit und Proteste.

Endlager Schacht Konrad

Seit Inbetriebnahme von Biblis sind während des Kraftwerksbetriebs tausende Kubikmeter radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung angefallen. Die Grafik veranschaulicht die derzeitigen Lagerorte.

Diese schwach- und mittelradioaktiven Abfälle, z.B. Anlagenteile, Filter, Reinigungsmittel, Schutzkleidung und dergleichen aus dem Kraftwerksbetrieb werden zunächst gesammelt und anschließend „konditioniert“, d.h. in speziellen Anlagen sortiert, zusammengepresst und zur Endlagerung in Behälter verpackt.

In Biblis sind bislang 5714 Kubikmeter (Endlagervolumen) konditionierte Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung angefallen. Dieser Müll verteilt sich größtenteils auf das Standortlager in Biblis (1864 Kubikmeter) sowie das Abfallager in Gorleben (2928 Kubikmeter).

Weitere 922 Kubikmeter lagern bei den Unternehmen Nuclear-Cargo-Service Hanau und GNS Gesellschaft für Nuklear-Service. Die GNS betreibt zwei Zwischenlager an den Standorten Gorleben und Ahausen sowie technische Anlagen auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich, mit denen schwach- und mittelradioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung konditioniert werden – also beispielsweise komprimiert und in endlagerfähige Behälter verpackt.

Letztlich werden eines Tages alle radioaktiven Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung aus Biblis im Schacht Konrad bei Salzgitter gelagert, dem einzigen in Deutschland genehmigten Endlager für diese Abfälle.

Alle Angaben zu Abfallmengen und Lagerorten basieren auf Informationen des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Sie geben den Kenntnisstand des Ministeriums vom April 2011 wieder. Laut Ministerium können sich Abweichungen aufgrund der Konditionierungsverfahren ergeben. Zudem können die Summen und Berechnungen Rundungsdifferenzen enthalten. Bei den Abfallmengen der Wiederaufbereitungsanlagen handelt es sich um so genannte Abfalläquivalente, die dem Atomkraftwerk Biblis zugeordnet werden können.

Quelle Text & Bild: hr-online.de 17.05.2011 (veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von hr-online.de)

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