Die „soziale Sicherheit“ des Super-GAU

Im Entwurf des CDU-Energiekonzepts stellt die Partei fest, dass ein sofortiges Atom-Aus die „soziale Sicherheit“ Deutschlands gefährden würde. Die „soziale Sicherheit“ nach einem schweren Atomunfall lässt sie hingegen offen.

Die Energiepolitik der Zukunft müsse Aspekte der Wirtschaftlichkeit, des Umwelt- und Klimaschutzes sowie der Sozialverträglichkeit gleichermaßen beachten:

„Energie darf kein Luxusgut für Wenige werden – das ist die besondere Verpflichtung der CDU als Volkspartei“, heißt es in dem Entwurf, der an diesem Montag vom Parteivorstand beschlossen werden soll. Ein sofortiger Ausstieg würde „unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und damit die Grundlage für soziale Sicherheit gefährden“, heißt es darin. Die Energieversorgung dürfe nicht „die neue soziale Frage des 21. Jahrhunderts“ werden.

Die „soziale Sicherheit“ des Super-GAU

GAU in Krümmel, Ausbreitungskarte Radioaktivität; Greenpeace

GAU in Krümmel, Ausbreitungskarte Radioaktivität; Greenpeace

Eine Greenpeace-Veröffentlichung zeigt anhand einer Ausbreitungskarte, wie weitreichend die Folgen eines GAU in Deutschland wären. Beispiel Krümmel: Nach einem schweren Terrorangriff auf das Atomkraftwerk könnten – je nach Wetterlage – nicht nur weite Gebiete Schleswig-Holsteins, Sachsen-Anhalts, Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs, sondern auch Deutschlands Hauptstadt Berlin langfristig unbewohnbar sein. Eine Anzahl von geschätzten 4,7 Millionen Menschen wäre in diesem Szenario von obligatorischen Umsiedelungen betroffen.

Eine andere Studie betrachtet einen Super-Gau am Beispiel eines 1000-MW-Reaktors in der Nähe von New-York-City (USA): Von den zehn Millionen gefährdeten Menschen würden 3300 innerhalb weniger Tage an schweren Strahlenschäden sterben. 10.000 bis 100.000 Menschen würden innerhalb von zwei bis sechs Wochen, nachdem sie der Strahlung ausgesetzt waren, an akuter Strahlenkrankheit erkranken und daran sterben.

  • 45.000 Menschen würden auf Grund der beim Einatmen hochradioaktiver Gase erlittenen Lungenschäden kurzatmig, 240.000 Menschen bekämen eine Schilddrüsenunterfunktion, deren Begleitsymptome Gewichtszunahme, Abgespannt sein, Verlangsamung des Denkens, Appetitverlust, Verstopfung und Ausbleiben der Monatsregel sind.
  • 350.000 Männer würden vorübergehend zeugungsunfähig, die übrigen Spermien wären genetisch verändert. Bei 40.000 bis 100.000 Frauen bliebe die Monatsregel aus, in vielen Fällen für immer. Bis zu 100.000 Babys kämen schwachsinnig und geistig zurückgeblieben auf die Welt, da ihre Schilddrüsen (die für die neurologische Entwicklung unverzichtbar ist) von radioaktiven Jod zerstört wurden, 3.000 Kinder würden bereits im Mutterleib sterben.
  • Fünf bis 60 Jahre später würden 270.000 Menschen an Krebs der verschiedensten Organe erkranken, Schätzungen gehen in 28.000 Fällen von Schilddrüsenkrebs aus.

Verseuchung der Umwelt

Tschernobyl hat gezeigt, dass die aus einem defekten Reaktorblock austretende Radioaktivität vom Wind über viele tausend Kilometer weit getragen würde und eine Fläche von mehreren 10 000 km² dauerhaft evakuiert werden müsste. Bei einem vergleichbaren Unglück in einem deutschen Atomkraftwerk würden sich die Ablagerungen von giftigen Stoffen auf wenige hundert Kilometer um den Reaktor beschränken – allerdings viel stärker und konzentrierter ausfallen.

Großflächige Evakuierungsmaßnahmen

Durch Tschernobyl mussten mehr als 500 000 Menschen auf Dauer ihre Wohnungen und Häuser verlassen. In der Eile der Evakuierung war es den meisten nicht einmal möglich, ihre Habseligkeiten zu retten. Im vergleichsweise etwa 10fach dichter besiedelten Deutschland müssten Millionen von Menschen für ihr weiteres Leben aus dem betroffenen Evakuierungsgebiet umgesiedelt werden. Sämtliche Städte, Dörfer, Fabriken, Betriebe, landwirtschaftliche Anwesen, alle Arbeitsstellen und Verdienstmöglichkeiten und alle kommunalen und sozialen Infrastrukturen müssten aufgegeben werden. Eine Wiederbesiedlung des Sperrgebietes wäre für viele Jahrzehnte bis -hunderte unmöglich.

Wenn man sich vorstellt, wie es aussehen würde, wenn man z.B. durch das Ruhrgebiet oder entlang des Rheins fahren würde oder nach einem Atomunfall in Hamburg spazieren ginge – das übersteigt die Phantasie. Sebastian Pflugbeil, Physiker

Wo sollen Millionen von evakuierten Menschen leben?

In Turnhallen, Baracken oder alten Kasernen, ohne Arbeit und damit ohne Geld. Außerdem in ständiger Angst an Krebs zu erkranken. Diese Sorge ist durchaus begründet: Bereits wenige Jahre nach dem Tschernobyl-Unglück begann in Weißrussland ein dramatischer Anstieg der Schilddrüsenkrebserkrankung, im Jahre 1995 bei Kindern ein mehr als hundertfacher Anstieg im Vergleich zur Zeit vor Tschernobyl. Auch bei anderen Krebsarten ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Mit einer Behandlung von tausenden Krebskranken wäre unser Gesundheitssystem völlig überfordert – die Betroffenen wären auf sich allein gestellt. Daraus resultiert dann meist der Tod. Als Steigerung des Leids für die Betroffenen kann mit einer sozialen und räumlichen Ausgrenzung von verstrahlten Personen gerechnet werden.

Unermesslich hohe Vermögensschäden

Eine fundierte Studie des Bundeswirtschaftsministeriums beziffert die Schadenshöhe eines Super-GAU in Deutschland auf 2.500 bis 6.000 Milliarden Euro für Gesundheits-, Sach und Vermögensschäden: Das ist das 10- bis 20-fache des jährlichen Bundeshaushaltes! Berechnet auf eine Fläche von 10 000km² bei einem Quadratmeterpreis von lediglich 50 Euro wären die Vermögensschäden der Besitzer von Land im atomaren Sperrgebiet, die enteignet werden müssten, 500 Milliarden Euro.

Versicherung gegen Super-GAU? Wer haftet für die Schäden?

Nach dem Atomgesetz sind Schäden, die von deutschen Atomkraftwerken ausgehen, bis zu einer Höhe von 500 Millionen Euro abgedeckt. Dieser Betrag deckt weniger als 0,1% der real möglichen Gesundheits-, Sach- und Vermögensschäden ab.

Das bedeutet, das die betroffenen Menschen neben dem Risiko von schwerer Krankheit und Tod auch auf den materiellen Schäden sitzen bleiben würden. Die Erwartung einer Entschädigungszahlung durch die Kraftwerksbetreiber wird spätestens nach deren zwangsläufigem Konkurs hinfällig.

Die Möglichkeit, sich gegen Schädigungen durch Atomenergie zu versichern, ist unmöglich. Dieses Risiko ist laut Versicherungsgesellschaften unversicherbar – und mit der Deckungsvorsorge der Kraftwerksbetreiber seien etwaige Schädigungen schließlich abgedeckt…

  • Atomanlagen sind ein unberechenbares Risikopotential!
  • Wir fordern die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen – weltweit!

4 Responses to Die „soziale Sicherheit“ des Super-GAU

  • thomas sagt:

    warum werden dann nicht auch chemiekonzerne zum aufgeben und entlassen aller mitarbeiter gezwungen? immerhin würde halb deutschland verseucht, wenn z.b. ein flugzeug auf ein BASF-werk stürzen würde…??
    das chemische risiko wird hier scheinbar völlig ausgeblendet…

    besser arbeitslos, als in einem chemiekonzern oder kernkraftwerk arbeiten…..???

  • Sehe das ähnlich wie Rosi.

    Ob die Atommafia wohl auch Anteile am Pfefferspraygeschäft hält? Dann hätten sie ab Juni noch ein Weiteres, womit sie sich dusselig verdienen.

  • Babawolf sagt:

    Hallo
    Dieser Sachbeschreibung ist nur noch hinzuzufuegen:Das Risiko der Atomkraftwerke trägt also letztendlich der Buerger.
    Ist dieses System dann nich völlig asozial und kriminell?

    Entsorgung der gesamten Anlage und laufende Betriegsmuellentsorgung
    aollte eigentlich der Betreiber mit seinen Gewinnen abdecken.

    Das einzige : Einfrieren der Vermögen der Betreiber und und ueber
    den Klageweg einen Weg aus dem Filemma suchen.

    Freundlichst

  • Rosi Ziesmer sagt:

    Soviel engstirnige Menschenverachtung und Kapitalverblendung muß man erst mal verdauen!! Mit Vernunft ist dem Pack jedenfalls nicht beizukommen. Denke, die soziale Sicherheit ist mit solchem Vorgehen in höchster, allerhöchster, Gefahr!!!

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