Menschenrechtsliga kritisiert EPR-Reaktorbau in Frankreich

Unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen werde der neue „Europäische Druckwasserreaktor“ in Frankreich gebaut. Die französische Menschenrechtsliga (LDH) wirft den Bauträgern, zu denen auch die deutsche Firma Siemens gehört, Verstöße gegen Arbeitsbedingungen vor.

Rund 460 größtenteils ausländische Arbeiter seien auf einem früheren Campingplatz an der nordfranzösischen Küste untergebracht und müssten dort in „baufälligen Bungalows“ hausen, erklärte der LDH-Beauftragte Jacques Véron-Bocquet am Dienstagabend. Die überwiegend rumänischen Arbeiter hätten „kein Recht auf Privatleben, kein Recht auf freie Meinungsäußerung und keinen Raum für ein Sozialleben“. Teils laufe das Wasser aus der Dusche durch mehrere Räume.

Der künftige Europäische Druckwasserreaktor (EPR) in Flamanville gehört dem französischen Energieriesen EDF, gebaut wird er vom Bouygues-Konzern. „Die Baustelle wird von Bouygues überhaupt nicht instandgehalten“, sagte ein führendes Gewerkschaftsmitglied. Die Arbeiter dürften in ihren Behausungen weder rauchen noch Besuch von Frauen haben, sagte der Beauftragte der Menschenrechtsliga, Véron-Bocquet. „Die Arbeiter sind isoliert und völlig verzweifelt.“ Laut LDH kommen vier von fünf Bauarbeitern in Flamanville aus dem Ausland, die meisten von ihnen aus Rumänien.

  • Der EPR ist eine gemeinsame Entwicklung von Framatome und des deutschen Konzerns Siemens.

Der erste EPR wird derzeit in Finnland gebaut. Es war der ersten Reaktorneubau in Europa seit der Tschernobyl-Katastrophe 1986. Das Kraftwerk sollte – schlüsselfertig zum Festpreis angeboten – drei Milliarden Euro kosten, bis heute hat sich diese Summe wegen Verzögerungen beim Bau und fehlenden Einnahmen durch Stromerlöse auf mindestens 5,3 Milliarden Euro fast verdoppelt. Grundsteinlegung für Olkiluoto-3 war im September 2005, sieben Monate später lagen die Bauarbeiten sechs Monate hinter dem Zeitplan. 2009 sollte der Reaktor betriebsbereit sein – nun planen die Verantwortlichen mit 2013.

Die Organisation „Sortir du nucléaire“ bezweifelt, daß der EPR sicherer als die alten Anlagen sei. In einem im Internet veröffentlichten „Schwarzbuch zum EPR“ beruft sie sich unter anderem auf ein Papier, das die deutsche Sektion der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) veröffentlichte. Demnach sind beim EPR die ursprünglichen Sicherheitsberechnungen zugunsten einer Leistungssteigerung auf 1600 MW vernachlässigt worden. Schon deshalb sei ein Kernschmelzunfall nicht auszuschließen. Der EPR verfüge auch über keinen „kernschmelzfesten Sicherheitsbehälter“, wie es immer dargestellt werde. Tatsächlich könne es beim Absturz der Kernschmelze auf die Auffangfläche und durch die Zufuhr von Kühlwasser „mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit zu heftigen Dampfexplosionen“ kommen. Weiterhin verfüge der EPR überwiegend über störanfällige „aktive“ statt über „passive“ Sicherheitssysteme. Ein zusätzliches Sicherheitsrisiko sei die digitale Sicherheitstechnik, die – im Unterschied zur erprobten analogen Technik – ein „gefährliches Großexperiment mit einer unausgereiften Steuerungstechnik“ darstelle. Wie gefährlich der Einsatz digitaler Leittechnik sein könne, habe ein Ereignis im deutschen Kernkraftwerk Neckarwestheim1 deutlich gemacht, wo 1998 ein erheblicher Teil der bis dahin ausschließlich festverdrahteten Steuerungstechnik auf die digitale Siemens-Sicherheitsleittechnik „Teleperm XS“ umgerüstet worden sei: Am 10. Mai 2000 sei durch ein Versagen dieser digitalen Leittechnik der für die Reaktorschnellabschaltung erforderliche Einfall der Steuerstäbe in den Reaktorkern für kurze Zeit blockiert und so die zentrale Sicherheitseinrichtung des Kernkraftwerks außer Kraft gesetzt worden.

Quellen (Auszug): udo-leuscher.de, news.yahoo.de, 12.01.2011

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