Wie die indische Presse berichtet, haben deutsche Techniker damit begonnen, “den Druckbehälter des AKW Kudankulam-1 zu schließen”. Der Meiler wurde unter massiven Protest der Bevölkerung in erdbeben- und tsunamigefährdeter Region gebaut. Ein kurzer Abriss über das indische Atomprogramm.

Die Reaktoren vom Typ VVER-1000/412 (kurz AES-92) wurden vom russischen Atomkonzern Rosatom geliefert und unter Federführung des indischen Staatsunternehmens NPCIL gebaut. Nach Meldungen indischer Medien wurden Ende Oktober “deutsche Techniker” eingeflogen, um “den Druckbehälter zu schließen”. Zu dem Team eines deutschen Maschinenlieferanten soll auch ein “sehr bekannter Experte” gehören. NPCIL und Rosatom schweigen über ihre Kooperationspartner aus Deutschland.

Möglich ist, dass es sich um Techniker der Protem GmbH aus Dettenheim / Baden-Württemberg handelt. Protem nennt Rosatom als Referenzkunden und beteiligte sich letztes Jahr an einer Nuklearmesse in Indien. Auch ist möglich, dass es sich im Mitarbeiter von Siemens und Areva handelt, da in den Reaktoren “moderne, westliche Kontrollsysteme die Sicherheit gewährleisten” sollen. Ein solches System wird bei Areva NP in Erlangen entwickelt – und wird von Kritikern beim “Europäischen Druckwasserreaktor” (EPR) als Risikokomponente genannt, weil es damit auch in Deutschland schon Unfälle gab.

  • Da sich nun offenbar auch Deutschland am AKW-Bau im indischen Kudankulam beteiligt, ein kurzer geschichtlicher Abriss der Atomkraft in Indien:

1985 Indien: Zusammenschluss von Umweltgruppen und Einzelpersonen, die den Bau einer Atomanlage in Kakrapar kritisch hinterfragen. Durch den schweren Chemieunfall in Bhopal 1984 ist man aufgeschreckt, da indische Atomanlagen im internationalen Vergleich „schmutzig“ arbeiten. (Anti-AKW-Kalender 2003, Seite 136-139)

Mai 1986 Indien/Kakrapar: Eine Demo oder Kundgebung wird gegen ein geplantes AKW durchgeführt. (Anti-AKW-Kalender 2003, Seite 136-139)

August 1986 Indien/Kakrapar: Den Organiatoren der Kundgebung gegen das geplante (in Bau befindliche?) AKW gelang es unmittel am geplanten Bauplatz eine riesige Menge an Menschen zu mobilisieren, trotz Verbot durch die Regierung. Die in Indien übliche stockschwingende und auch berittene Polizei wird eingesetzt. Tränengas kommt auch zum Einsatz um die Menge auseinander zu treiben. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, Steine flogen, öffentlich Gebäude wurde in Mitleidenschaft gezogen. Am nächsten Tag gingen die Ausenandersetzungen weiter, die Polizei feuerte mit Schusswaffen in die Menge, neben vielen Verletzten, starb ein 13. Jähriger im Kugelhagel der Polizei. (Anti-AKW-Kalender 2003, Seite 136-139)

August 1986 Indien/Bombay: Auf einem Seminar „Atom in Indien“ kamen mehrere Gruppen zusammen. Das Ergebnis war, der Widerstand gegen das Atomprogramm soll auf lokaler Ebene verstärkt fortgesetzt werden, das man sich gegenseitig unterstützt und die Kommunikation untereinander verbessert werden soll. (Anti-AKW-Kalender 2003, Seite 136-139)

August 1987 Indien: Die Anti–AKW-Zeitung „Anumuki“ (Atombefreiung) wird alle zwei Monate herrausgegeben. Erscheint auch immer noch im Jahre 2003. (Anti-AKW-Kalender 2003, Seite 136-139)

1988 Indien/Kaiga/Kamalaka: Den Vorschlag dort ein AKW zu errichten mobilisiert die Massen. Bei einer großen (“Aufruhr”) Aktion sprangen Hunderte von Frauen in die Grundmauern des Reaktors, der Beton war noch nicht fest. (Anti-AKW-Kalender 2003, Seite 136-139)

1988 Indien/Kudankulam: Nach der Ankündigung vom Bau von AKW in Südindien, flammen Proteste auf. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1992 schlafen die Proteste ein. 2002 erreichte die indische Regierung eine erneute Einigung mit dem Nachfolgerstaat Russland. (Anti-AKW-Kalender 2003, Seite 136-139)

27.01.1996 Indien/Bundesstaat Bihar/Region Jharkhand/Uranmine Jadugara: Ein Dritter radioaktiver Abraumteich muss für die Uranmine errichtet werden. Ein Ort steht dem im Wege. Am Morgen um 11 Uhr, alle Männer des Dorfes Chatijkocha waren bei der Arbeit, drang die „Uranium Corporation of India Ltg“ (UCIL) mit starken Polizeieinheiten ohne jede Vorwarnung in das Dorf ein. Die mit gebrachten Bulldozern und Bagger machten die Hütten und Häuser der Einwohner platt. Dieser Vorgang führte zu spontanen Widerstandsaktionen mit Unterstützung aus den Nachbarorten. Das brutale Vorgehen der Behörden konnte sehr schnell öffentlich gemacht werden. Die Selbstorganisation der betroffenen Urbevölkerung „Jharkhands Organisation Against Radiation“ wird ins Leben gerufen um den Widerstand auch juristisch weiterführen zu können. Menschenrechtsgruppen schalteten sich auch in den Fall ein. (Reader: Uran – oder das Recht auf Leben?, Marburg, Juni 2004, Seite 21) Der Reader steht im Netz

22.06.1998 Indien/Neu – Delhi: Russland hat mit Indien ein Abkommen zum Bau von zwei 1.000-MW-AKW im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu bekannt gemacht. Das Projekt kostet umgerechnet 4,5 Milliarden DM. Mit dem Abkommen hat Russland die vom Westen verhängte Lieferblockade für Atomtechnik an Indien unterlaufen. Der Lieferstopp war im Mai 1974 verhängt worden, nachdem Indien eine Atombombe gezündet hatte. (FR, 23.6.1998)

04.07.1999 Indien/ Neu-Delhi: In der Nähe des Atomtestzentrums Pokhran in der indischen Wüste ist ein Kampfflugzeug der Indischen Luftwaffe abgestürzt. (FR, 5.7.1999)

Oktober 2004 Indien: Mit den Bauarbeiten am indischen Schnellen Brüter (PFBR) im Forschungszentrum Kalpakkam wird begonnen. (atw, Heft 5, 50. Jg., Mai 2005, Seite 340) atw = atomwirtschaft, Zeitschrift der AKW Betreiber

28.12.2004 Indien/Tamil Nadu/Matras: Ein AKW musste wegen der Flutkatastrophe in Asien abgeschaltet werden. (n-tv, 28.12.2004) Neu Delhi (dpa) – Die verheerende Flutwelle in Indien hat auch ein Atomkraftwerk im südostindischen Bundesstaat Tamil Nadu getroffen. Der Nachrichtensender NDTV meldete, der Reaktor sei sicher heruntergefahren worden. 30 Angestellte des AKW seien in Folge der Flutwelle getötet worden. Die UNO bereitet sich unterdessen nach der Katastrophe auf einen beispiellosen Hilfseinsatz vor. Der Untergeneralsekretär für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, sagte in New York, die Aktionen könnten viele Milliarden Dollar kosten. (DPA, 2812.2004)

30.08.2006 Indien: Das Ende der nuklearen Ächtung Indiens, das US- Präsident George W. Bush im Frühjahr einleitete, dürfte bald bevorstehen. Das energiehungrige Land wird in den kommenden Jahren Milliarden in den Bau neuer AKW investieren. Amerikaner, Franzosen und Briten stehen schon Schlange, die Russen sowieso, um sich eine Scheibe des gigantischen Kuchens zu sichern. Das internationale Völkerrecht wurde gebrochen. Deutschland dagegen, das machte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) bei seinem Besuch in Neu Delhi klar, wird im Nuklearbereich nicht mit Indien zusammenarbeiten – obwohl Indien genau daran Interesse hätte. Auch deutsche Unternehmen würden beim indischen AKW Bau gerne mitverdienen. Grund für die ablehnende Haltung der Bundesregierung, die Glos sichtlich nicht behagte, ist der von Rot-Grün beschlossene und in der großen Koalition heftig umstrittene Atomausstieg. Keine Vergabe von Hermesbürgschaften auch in der CDU/SPD Koalition. Obwohl das Atomausstiegsgesetz kein Exportverbot für Atomtechnologie und Nuklearanlagen vorsieht, dürfte eine entsprechende internationale Kooperation gegen den Willen der SPD kaum durchsetzbar sein. (ZDF, heute, 30.08.2006)

22.08.2008 Indien: In einem Atomkraftwerk im westindischen Bundesstaat Gujarat wurde Alarm wegen bewaffneter Eindringlinge ausgelöst. Dorfbewohner hatten berichtet, zwei Bewaffnete seien auf das Gelände des Atomkraftwerks vorgedrungen. Das Innenministerium teilte nach der Durchsuchung des Werksgeländes mit, es habe sich um einen Fehlalarm gehandelt. (rtr/dpa, FR, 23.08.2006)

09.09.2008 Indien: Das Land plant, 2008 oder 2009 im Atomkraftwerk Kudankulam mit dem Bau von noch weiteren vier AKW Blöcke mit Hilfe Russlands zu beginnen. (RIA Novosti)

30.10.2010 Indien: Bei einem Protest wurden 3.000 AKW-Gegner verhaftet. An dem AKW Standort Jaitapur sollen AKW mit einer Gesamtleistung von 10.000 MW gebaut werden. (Greenpeace India)

18.03.2011 Indien/Jaitapur:   Kurz nach der Katastrophe in Japan, setzte die Polizei Schusswaffen ein. Neben 18 Verletzten und 30 Verhaftungen, kam es zum Tod von Tabrez Sayekar, einem Fischer. Schon in der Vergangenheit kam es vor und während Demonstrationen schon zu Verhaftungen von Aktivisten. In Jaitapur sollen sechs der Europäischen Druckwasserreaktortypen (EPR) mit jeweils einer Leistung von 1650 Megawatt errichtet werden. Seit Januar 2006 laufen die Proteste vor Ort und seit Fukushima sind sie, wie auch die Gewalt der Polizei zunehmend verstärkt.  (Homepage Anti Atom Berlin, 2011)

2011 Indien/Kudankulam: Im September kam es zu Massenprotesten gegen den Bau des AKW Kudankulam, die Regierung beschuldigte ausländische Organisationen. Die USA und die EU wurden nammentlich genannt. Ein Deutscher wurde kurzerhand in die BRD ausgewiesen. (Eigener Bericht)

März 2012: Die Regierung des Bundesstaates Tamil Nadu räumte Aktivisten, die alle Zufahrten zum AKW besetzt hatten mit tausenden Polizisten. Mindestens 200 Menschen wurden festgenommen. (rf-news.de, 21.03.2012)

September 2012: Bei Protesten haben Sicherheitskräfte einen Menschen erschossen. Das bestätigte am Dienstag ein Sprecher der Demonstranten. Den Angaben zufolge hatten sich am Montag tausende Dorfbewohner in der Nähe des neu gebauten Kraftwerkes im Küstenort Kudankulam versammelt, um gegen die Anlieferung von Brennelementen zu demonstrieren. Polizeikräfte hätten die Menschen zunächst mit Schlagstöcken und Tränengas auseinandergetrieben. Später sei auch scharf geschossen worden. (dpa, 11.09.2012)

Ende Oktober 2012: Bei Protesten gegen das AKW sind Hunderte Menschen festgenommen worden. Etwa 2000 Bauern und Fischer sowie Mitglieder von regionalen Parteien hätten versucht, ein staatliches Gebäude in der Landeshauptstadt Chennai zu besetzen, berichtete der Nachrichtensender NDTV. (rp-online, 30.10.2012)

Bemerkung: An allen sieben aktuellen AKW Bau Standorten läuft der Widerstand. Indien will auch über die Atomenergie zur 1. Weltmacht aufsteigen. In wenigen Jahren werden in Indien mehr Menschen leben als in China. USA und EU werden immer weiter an Bedeutung verlieren. Entsprechend selbstbewusst treten China und Indien auf. Zu China und Pakistan gibt es ungeklärte Grenzverläufe, die in der Vergangenheit schon zu militärischen Auseinandersetzung im Hochgebirge zum Himalaya geführt haben.

Quellen (Auszug): netzwerkit.de, 03.11.2012 / Dieter Kaufmann, Oktober 2012


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