Mischoxid-Brennstoff: Sie sind der Inbegriff für den Mythos des “geschlossenen Brennstoffkreislauf” für Atomkraftwerke: Aus verbrauchten Brennelementen wird in Wiederaufarbeitungsanlagen das Uran und Plutonium herausgelöst, um schließlich daraus wieder Brennstäbe zu fertigen. Eine Art “Recycling” mit dem bitteren Beigeschmack, da ein hochgefährliches Produkt mit Nebenwirkungen dabei entsteht. Atomkraftgegner fordern daher den sofortigen Stopp der Plutonium-Wirtschaft!

Die sogenannte Wiederaufarbeitung hat ihre Ursprünge im militärischen Bereich. Ziel war es, Plutonium zum Bau von Atombomben zu gewinnen. Wenn ein Brennelement im Atomreaktor abgebrannt ist – die Nutzungsdauer (“Abbrand”) ist gesetzlich geregelt -, sind nur Teile seines eigentlichen Brennstoffes Uran 235 verbraucht. Zudem sind durch Spaltprozesse Plutonium-239 und -241 entstanden. In den europäischen Anlagen in Sellafield (England) und La Hague (Frankreich) werden Plutonium und Uran in einem chemischen Verfahren von den übrigen Spaltprodukten getrennt. Bis Mitte 2005 durften auch deutsche Atomkraftwerksbetreiber verbrauchte Brennstäne dorthin liefern. Bis dahin war die Wiederaufarbeitung als so genannter Entsorgungsnachweis anerkannt, was die Grundlage für den genehmigten Reaktorbetrieb darstellte. Verwendung findet das PU-239 für den Bau von Atombomben und Mischoxid-Brennelemente (MOX-BE). MOX-BE enthalten gegenüber den herkömmlich in AKW eingesetzen Uran-Brennelementen neben Uran bis zu 3,5 % Plutonium.

Die Nebenwirkungen der Wiederaufbereitung sind extreme Umweltverschmutzung der Umgebung, erhöhte Strahlung, Risiken wegen großer Mengen Spaltmaterial und Transporten. Der angelieferte Müllmenge wird durch die verschiedenen Verfahren sogar vergrößert. Beide Anlagen wären nach deutschem Atomrecht nicht genehmigungsfähig. Die großen Mengen hochradioaktiven Atommülls werden seit Jahren in Glas verschmolzen und rollen als Castortransporte zur Zwischenlagerung nach Gorleben. Viele weitere Rücktransporte mit schwach- und mittelaktivem Müll sind dank der WAA noch geplant.

Die Plutonium-Wirtschaft begründet sich im “Traum vom geschlossenen Brennstoffkreislauf”. In der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf sollte PU extrahiert werden und im Schnellen Brüter-Kraftwerk in Kalkar zum Einsatz kommen. Doch beide Projekte sind in den 80er und 90er Jahren wegen Protesten, unkalkulierbaren Risiken und Kosten gescheitert. Für die Verwendung der großen Mengen Plutonium blieb also nur die Fertigung von MOX-BE – oder der Einsatz in Atombomben.

In allen neun verbleibenden Atomkraftwerken in Deutschland werden MOX-BE eingesetzt. Im AKW Grohnde kamen zum Beispiel schon in den Jahren 2000 bis 2004 40,4 Tonnen MOX-Brennelemente zum Einsatz.

Aus einer Kleinen Anfrage im Bundestag (Drs. 17/1323) vom 08.04.2010 geht hervor, daß folgende Atomkraftwerke über Einsatzgenehmigungen für MOX-Brennelemente verfügen:

Einsatz von MOX-BE in deutschen AKW, Quelle: Bundestag, 2010

Einsatz von MOX-BE in deutschen AKW, Quelle: Bundestag, 2010

Auch in den AKWs Neckarwestheim-1, Unterweser wurde MOX eingesetzt.

Siemens hat die Betreiber der AKWs sogar verpflichtet, die MOX-BE abzunehmen, obwohl diese erheblich teurer und störanfälliger sind. Beim Einsatz von MOX entstehen etwa zehnmal mehr langlebige radioaktive Transurane als bei der Nutzung von Uran-Brennelementen – was eine große Rolle bei einer Entsorgung spielt. Sie strahlen auch wesentlich stärker als abgebrannte Uran-Brennelemente, somit sind die abgebrannten MOX-Brennelemente komplizierter zu handhaben und die Strahlenbelastung für die Beschäftigten ist größer. Durch den Einsatz von Plutonium in Atomkraftwerken steigen die Risiken beim Transport von Brennelementen und bei der Handhabung generell. Bei schweren Unfällen (GAU) kann in größerem Maße Plutonium freigesetzt werden, zuletzt im japanischen AKW Fukushima Block 3. Aus physikalischen Gründen reduziert der Einsatz von MOX-Brennstoff die Wirksamkeit der Steuerstäbe, macht den Reaktor instabiler und erhöht das Risiko, dass ein Unfall zur Katastrophe wird. Im kalten Zustand sind höhere Borsäure-Konzentrationen im Kühlwasser erforderlich, um den Reaktor unkritisch zu halten. Auch bei der Lagerung von abgebranntem MOX- Brennstoff im Abklingbecken ist der Einsatz stärkerer Neutronenabsorber erforderlich. Bereits 40 Prozent des Plutoniums eines einzigen MOX-Brennelementes reichen aus, eine Atombombe zu bauen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz stellt in einer Broschüre aus dem Jahr 2000 zu den Risiken von MOX-Transporten fest: “Im Vergleich zu abgebrannten Brennelementen geben sie nur eine vergleichsweise geringe Strahlung ab. Das gilt auch für Uran-Plutonium-Mischoxid (MOX)-Brennelemente. Das darin enthaltene Plutonium aber darf keinesfalls in die Umwelt gelangen, da das Einatmen schon kleinster Mengen Lungenkrebs hervorrufen kann. Eine Freisetzung kann z.B. über ein länger anhaltendes Feuer mit hohen Temperaturen erfolgen.”

Auch die Handhabung von MOX-Brennelementen schon für die Arbeiter in den Brennelementfabriken ist wesentlich gefährlicher als die Herstellung von Brennelementen aus Uran, denn frischer MOX-Brennstoff ist wegen seines Plutoniumgehalts stärker radiotoxisch als Uran-Brennstoff. Alle Fertigungsschritte werden in gasdichten Umschließungen und in weiten Teilen fernbedient durchgeführt.

MOX-Brennelemente sollten in Deutschland im Siemens-Brennelementewerk in Hanau hergestellt werden, dass aber nicht fertigestellt wurde. Die Anlage wurde 1991 vom hessischen Umweltminister wegen der Gefahren durch das PU stillgelegt. 1995 stellte Siemens den Neubau einer größeren Anlage ein.

MOX-Herstellung findet heute nur noch im französischen Marcoule (Anlage MELOX, seit 1995 in Betrieb) und in Cadarache statt. Eine weitere Fabrik im belgischen Dessel wurde 2006 stillgelegt. Eine Anlage namens J-MOX ist in Japan “approved for build”, in den USA ist eine Anlage in Savannah River zur Entsorgung von ehemaligem Waffenplutonium geplant und in Tokai (Japan) und in Majak (Russland) laufen Anlagen in kleinem Massstab. Die britische Anlage “Sellafield MOX Plant (SMP)” wurde Mitte 2011 wegen mangelnder Nachfrage geschlossen. Eine Vielzahl technischer Probleme hatten dazu geführt, dass die MOX-Anlage in Sellafield weit unter den geplanten Kapazitäten arbeitete: Im April 2009 veröffentliche die britische Zeitung Independent, dass in der SMP in den sieben Jahren seit Inbetriebnahme insgesamt nur 6,3 Tonnen Brennstoff hergestellt wurden. Die Anlage war im Oktober 2001 in Betrieb gegangen. 2007 wurde mit der Brennelementherstellung für das AKW Grohnde begonnen. Bis zum August 2008 sollen allerdings lediglich drei MOX-Brennelemente fertiggestellt worden sein. Die taz berichtete am 12.8.2009, das nach Angaben der britischen Anti-Atom-Organisation CORE der so genannte Grohnde-Vertrag die Herstellung von insgesamt 64 MOX-Brennelementen und deren Lieferung an das niedersächsische AKW regelt. Weitere 44 MOX-Elemente seien in Sellafield für das AKW Brokdorf an der Unterelbe bestellt worden.

  • Der Betrieb von Atomkraftwerken ist ein unkalkulierbares Risiko. Der Einsatz von Plutonium-Brennelementen erhöht dieses Risiko signifikant. Wir fordern daher: sofortiger Stopp der gefährlichen Plutoniumwirtschaft! Sofortiger Stopp aller Atomanlagen!
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Quellen (Auszug): de.wikipedia.org, umweltlexikon-online.de, anti-atom.org, greenpeace.de, robinwood.de, bfs.de; 12.12.2011

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