AKW Stade

E.ON als Betreiber des Rückbaus ist stolz darauf: nur ein kleiner Teil des Abrissmaterials des Atomkraftwerks Stade muss als radioaktiver Müll entsorgt werden. Ein Großteil kann auf Hausmülldeponien entsorgt werden. Eine davon liegt bei Schneverdingen – die Anwohner schlagen Alarm, denn der Schutt ist radioaktiv.

Am 14. November 2003 wurde das AKW Stade, eines der ersten kommerziell genutzten Atomkraftwerke in Deutschland, endgültig abgeschaltet. Seitdem läuft der Rückbau. In vier Phasen soll bis Ende 2015 der konventionelle Abriss erfolgen, zuvor sämtliche radioaktiven Komponenten aus der Anlage geräumt oder dekontaminiert. Deutschlands größter Energieversorger E.ON ist stolz darauf, dass der weitaus größte Teil des abgebauten Materials nichts anderes als gewöhnlicher Betonschutt oder Stahlschrott ist. Daher kann dieser sofort in anderen Bereichen weiter verwendet oder verwertet werden. Zum Beispiel können die aus dem Abbruch der Gebäude stammenden Betonreste als Bauschutt wieder verwendet werden. Die meisten metallischen Anlagenteile fließen als Schrott wieder in den Rohstoffkreislauf zurück. Vorher werden die Teile “freigemessen”, also so lange dekontaminiert, bis sie nur noch unterhalb der zulässigen Grenzwerte strahlen. Im Sinne des Atomrechts gilt der Stoff dann nicht mehr als radioaktiv.

Sieben Jahre lang sind Abfälle aus dem AKW in den Heidekreis gekarrt worden, von 2003 bis 2010. Insgesamt handelt es sich um 103 Tonnen, die seither auf der kreiseigenen Mülldeponie Hillern bei Schneverdingen gelagert werden. Die kreiseigenen Abfallwirtschaft Heidekreis (AHK) gibt offen zu, dass der AKW-Abfall “nur sehr wenig mit Radioaktivität” belastet ist. Anwohner und zuständige Bürgermeister haben von dem Abfall nichts gewusst. Landrat Manfred Ostermann (parteilos) veranlasste im Juni 2011 einen Einlagerungsstopp. Er will klären lassen, ob von dem Material tatsächlich keine erhöhte Strahlung ausgeht. Der Verwaltungsrat der AHK sieht weiterhin keine Gefahr und woll aus diesem Grund in den kommenden Jahren bis zu 2.000 Tonnen Abrissmaterial aus dem AKW annehmen.

Auch auf der Deponie Ihlenberg bei Schönberg in Mecklenburg-Vorpommern landeten tausende Tonnen AKW-Schrott. Seit 1996 sind dort rund 15.000 Tonnen “freigemessener” Schrott aus dem Atomkraftwerk Lubmin bei Greifswald eingelagert worden. Die Entfernung von der Deponie zum Zentrum der nächstgelegenen Großstadt Lübeck beträgt etwa 14 km, die nächste Wohnbebauung ist nur 200 Meter entfernt. Auch dort schlugen Umweltschützer Alarm: Der Kieler Umwelttoxikologe Dr. Hermann Kruse warnt davor, dass die Radioaktivität unter keinen Umständen in die Umwelt oder das Grundwasser gelangen darf.

Atomkraftgegner weisen darauf hin, dass im Jahr 2001 durch eine Änderung der Strahlenschutzverordung überhaupt erst ein “Freimessen” möglich ist und Abfälle im Rahmen der “Freigabe” aus Atomanlagen entsprechend in den Umlauf kommen. Laut einer Untersuchung der Gruppe Ökologie im Jahre 2000 findet die Freigabe von schwachaktiven Reststoffen aus der Nukleartechnik bereits seit Ende der 70er Jahre statt – allerdings unter rechtlich zweifelhaften Bedingungen. Nach jahrelangen Diskussionen um die Schädlichkeit von geringen Strahlendosen wurde 2001 in der Gesetzesänderung festgelegt, dass Material mit einer Strahlung von bis zu 10 Mikro-Sievert pro Jahr “unbedenklich” ist – und freigegegeben werden könne. Ob und inwiefern geringe Strahlendosen den Menschen bzw. Folgegenerationen schädigen können, diese Zweifel sind international nicht ausgeräumt.

Die “Gruppe Ökologie” weisst darauf hin, dass es eine unvermeidbare Folge der Nutzung der Atomenergie, dass auch durch die Beseitigung ihrer Abfälle Strahlenbelastungen für Mensch und Umwelt auftreten. Die Freigabe schwachaktiver Reststoffe wird langfristig zu einer Zunahme der Hintergrundstrahlenbelastung führen. Die Zunahme ist zwar im Vergleich zur vorhandenen Hintergrundbelastung relativ gering, aber es handelt sich um eine zusätzlich auftretende Strahlenbelastung, die die Zahl von Schädigungen erhöhen wird.

Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit gibt zu, dass bislang noch ungeklärt ist, wie sich die Deponien langfristig verhalten und ob z.B. radioaktive Stoffe über das Sicker- oder Grundwasser in die Umwelt gelangen könnten. Seit Oktober 2010 – zehn Jahre nach Inkrafttreten der Verordnung – läuft deshalb ein Forschungsprogramm, um das Verhalten der Ablagerungsstätten zu untersuchen.

  • Das “Freimessen” ermöglicht es den Atomkonzerne, tausende Tonnen schwachradioaktiver Abfälle auf Hausmülldeponien vergleichsweise billig zu entsorgen. Die Gruppe Ökologie bilanzierte 2000 die Menge an Material, das künftig freigemessen werden könnte, auf ca. 4 Millionen Tonnen.
  • Atomausstieg? Die Wahrheit Teil 15: AKWs kommen auf den Hausmüll
    Deutschland steigt aus. Bis 2022 sollen in einem Stufenplan alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden, das erste bereits 2015. Schwarz/gelb feiert das eigene Einknicken im Fortbestand der Atomenergie als Erfolg, rot/grün stimmt mit dem Argument “alternativlos” zu. Und wegen einer Änderung des Strahlenschutzgesetzes landen tausende Tonnen radioaktiver Abfälle statt in einem Endlager auf Hausmülldeponien oder werden wiederverwendet.
  • Grenzwerte für radioaktive Strahlung
    Grenzwerte gaukeln in der Regel – insbesondere in Zusammenhang mit der Atomenergie – eine Ungefährlichkeit vor. Ist ein Grenzwert bestimmt, so sagt dieser in der Regel nichts über die tatsächliche Gefährlichkeit aus, sondern ist ein sogenannter ‘politischer Wert’, der das politisch Vertretbare ausdrückt. Grundsätzlich gilt, daß es für die Schädlichkeit radioaktiver Strahlung keinen Grenzwert gibt. Jede noch so kleine Menge ist schädlich.
  • WHO-Chefin: Auch Niedrigstrahlung ist gefährlich
    6. Mai 2011 – Bislang vertrat die WHO immer dieselbe Position wie die IAEA: So genannte “interne radioaktive Strahlung”, im Körper angereichert, sei nicht gefährlich. Damit ist nun Schluss: “Es gibt keine ungefährlichen Niedrigwerte radioaktiver Strahlung”, erklärte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Mittwoch bei einem kurzfristig anberaumten Treffen mit Mitgliedern der kritischen “Initiative für eine unabhängige WHO”.
  • Grenzwerte für Radioaktivität sind “kalkulierter Strahlentod”
    20. September 2011 – Die Strahlen-Grenzwerte für Lebensmittel in der EU und in Japan sind viel zu hoch angesetzt, sie bieten keinen ausreichenden Gesundheitsschutz. foodwatch und die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) fordern eine drastische Senkung der Grenzwerte. Mit einer Mailingaktion sollen zuständigen Politiker in Bundesregierung und EU-Kommission aufgefordert werden, die Grenzwerte drastisch zu senken!

Quellen (auszug): ndr.de, castor.de, grs.de; 27.10.2011


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