| Quelle / Author: http://www.neues-deutschl Ukraine, 10.03.2010 Abgründe - Landolf Scherzer war in Tschernobyl |
Wieder einmal war Landolf Scherzer unterwegs, wenn auch nicht zu Fuß und so heiteren Gemüts wie an der früheren innerdeutschen Grenze. Aber genauso wach, beharrlich und auf Leute versessen, machte er sich auf den Weg nach Tschernobyl, um mit eigenen Augen zu sehen, was der Gau nach zwanzig Jahren hinterlassen hat, ob nicht endlich Gras über alles gewachsen war. |
Als es 2007 zum ersten Mal nicht geklappt hat, direkt nach Tschernobyl zu gelangen, versucht er es ein zweites Mal. Er schließt sich deutschen Tschernobyl-Helfern an, die Hilfsgüter bringen, und begleitet auf der Rückreise eine Gruppe ukrainischer Jugendliche. Alles in allem sind seine Erlebnisse schlimm. Lange habe ich kein derart erschütterndes Buch gelesen, das die erlebte Misere so sachlich, genau und vielgestaltig darstellt, dabei eigene Emotionen zurückhält und dennoch oder gerade deshalb Zorn und Trauer des Lesers herausfordert. »Um Tschernobyl zu begreifen, müssten Sie in die kranken Seelen der Menschen dort schauen können«, hatte die Ukrainerin Galina Wolina Scherzer gesagt, als er sich für Tschernobyl zu interessieren begann. Und das versucht er: Er sucht überall auf seinen Reisen den Kontakt mit den Menschen dort, er fragt jeden, dem er begegnet, nach dessen Schicksal und Befinden. Ein Menschensammler. Er findet Tragik und Not, ungeheure Lebenskraft und ungeheure Armut. Aber es gibt auch reiche Gewinner, andere, die sich gerade mal so eingerichtet haben, und wieder andere, die die »neue« Zeit verinnerlichten. Dass der Gau die Strafe für die Ungläubigen gewesen sei, muss er sich von einem Priester erklären lassen. Kluge Gegenfragen nutzen dabei nichts, denn auch die Kirche profitiert vom Mythos Tschernobyl. Noch immer entsetzt es, wenn man lesen muss, wie ungeschützt und naiv viele der Helfer sofort nach der Katastrophe in die Strahlung geschickt wurden, wie grausam sie endeten. Fast ebenso schlimm das Schicksal ihrer Familien. Wie viele alleinstehende Frauen schlagen sich mit Kindern oder Enkelkindern auf eine Weise und unter Umständen durch, wie es hier kaum vorstellbar ist. Ihre Duldsamkeit, aber auch stille Stärke machen betroffen. Neben den Frauen, die oft weniger aktiven und so oft trinkenden Männer: der Schulleiter, der Bettler, aber auch der extra wegen der deutschen Freunde nach Kiew gekommene Jude, der »sein bestes« Deutsch in Buchenwald gelernt hat. Das Kinderkrankenhaus war, als die Delegation hinkam, leer, weil die ukrainische Regierung kein Geld mehr für Tschernobyl-Geschädigte hat. Dafür behandeln die dortigen Ärzte Privatpatienten. Wer für einen Erholungsaufenthalt in Deutschland ausgesucht wird, das wird auf mitunter merkwürdige Weise von Leuten entschieden, die ihre Funktionen zu nutzen verstehen. Kaum einer der Verantwortlichen ist uneigennützig. Warum auch, viele denken doch jetzt zuerst an sich. Fast hätte Scherzer sein Ziel erreicht, bis an den Sarkophag von Tschernobyl zu gelangen. Der Bus einer cleveren Reisegesellschaft, die reichen Amerikanern »einmaligen Extremtourismus, die bizarrste Tagestour der Welt« verspricht, hätte ihn für 130 Dollar mitgenommen. Landolf Scherzer, der nicht so sehr den »Horror-Kick« gesucht hatte, sondern »Seele«, fand Abgründe, von Menschen geschaffen. Landolf Scherzer: Das Sarggeld von Uljanowna. Reportagen. Wartburg Verlag. 81. S., brosch., 11 €. Veranstaltung mit Landolf Scherzer, Marie-Elisabeth Lüdde und Wulf Kirsten heute, 20 Uhr, im Evangelischen Realgymnasium Erfurt, Meister-Eckehart-Str. 6. |
| Thema: Atomstandorte - Rubrik: Chernobyl - Artikel gelesen: 257 mal |
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