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Quelle / Author: http://www.focus.de/wisse
Deutschland, 22.10.2009
In acht Atomkraftwerken drohen Störfälle
Die Laufzeitverlängerungen bei den AKWs scheinen in der neuen Koalition eine beschlossene Sache. Inzwischen zeigt sich ein Sicherheitsproblem in acht der 17 deutschen Atomreaktoren.
Die Unterhändler der neuen Regierungsparteien CDU und FDP sind sich einig: Im Koalitionsvertrag soll eine Laufzeitverlängerung für diejenigen Kernkraftwerke (KKW) festgeschrieben werden, die als sicher gelten. Vielleicht aber stehen mehrere deutsche KKW gerade deshalb vor dem Aus. Es handelt sich um Druckwasserreaktoren. Zu diesem Typ gehören elf der insgesamt 17 deutschen Kernkraftwerke. Bei acht von ihnen - Grohnde, Unterweser, Emsland, Neckarwestheim, Philippsburg, Isar 2, Grafenrheinfeld und Brokdorf - besteht ein nur schwer behebbares Sicherheitsproblem: Tritt in ihrem Kühlkreislauf ein Leck auf, kann es zur Kernschmelze kommen, dem sogenannten GAU (für ´Größter Anzunehmender Unfall´).

Die Ursache dafür ist die besondere Konstruktion der Druckwasserreaktoren. Bei ihnen wird das Kühlmittel Wasser in einem geschlossenen System geführt, dem Hauptkühlmittelkreislauf. Die Hauptkühlmittelpumpen pressen es von unten nach oben durch den Reaktorkern, der im Reaktordruckbehälter sitzt. Dabei heizt es sich auf 320 Grad Celsius auf. Doch der in dem Behälter herrschende Druck von etwa 160 bar verhindert, dass das Wasser siedet (daher die Bezeichnung dieses Reaktortyps). Durch Rohrleitungen gelangt es zu den Dampferzeugern, wo seine Wärme auf das Wasser des Sekundärkreislaufs übergeht. Darin ist der Druck geringer. Deshalb siedet das Nass, der entstehende Dampf treibt die Turbine zur Stromerzeugung an.

Reaktorkern kann überhitzen

Tritt nun durch ein Leck oder einen anderen Schaden im Hauptkühlmittelkreislauf Wasser aus, verringert sich die Kühlung, sodass sich der Reaktorkern überhitzen kann. Im schlimmsten Fall beginnt er, nach etwa 35 Minuten zu schmelzen. Nach etwa einer Stunde haben sich schließlich 80 Prozent des Kernmaterials zu einer Schmelze verflüssigt, die auf den Boden des Druckbehälters stürzt. Hält dieser der Belastung nicht stand, gelangen - wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - radioaktive Substanzen in die Umwelt.

Deshalb sollen bei einem solchen Störfall Notkühlsysteme die Kernschmelze verhindern. Dazu zählen Druckspeicher, aus denen passiv Wasser in den Kühlkreislauf gepresst wird, sobald der Druck darin aufgrund des Lecks unter bestimmte Werte fällt. Hinzu kommt das eigentliche Notkühlsystem. Es soll das durch das Leck ausströmende Wasser im Reaktorkern nachliefern. Doch um die Kühlung über längere Zeit aufrechtzuerhalten, muss das Kühlmittel im Kreis geführt werden. Deshalb befördern Pumpen das Wasser, das sich im sogenannten Reaktorsumpf am Grund des Sicherheitsbehälters sammelt, zurück nach oben.

Und da liegt das Problem

Schießt Wasser mit hohem Druck durch ein Leck, kann es Isoliermaterial - meist handelt es sich um Mineralwolle - zerfetzen, das zur Isolation von Rohrleitungen dient, die heißes Kühlmittel befördern. Im Sicherheitsbehälter gibt es eine Reihe von Rohren, die von einem Leckstrahl getroffen werden könnten. Das zerbröselte Material wird dann vom ablaufenden Wasser in den Reaktorsumpf gespült. Von dort aus gelangt es in den Kühlkreislauf, wobei größere Teile, aber auch Bruchstücke der Leitungsrohre die Kühlpumpen beschädigen könnten. Deshalb sollen Siebe im Reaktorsumpf solche Trümmer ebenso zurückhalten wie die Fasern des Isoliermaterials. Doch diese könnten die Siebe verstopfen, sodass kein Wasser mehr hindurchgeht. Der Kühlkreislauf wäre unterbrochen - mit einer Kernschmelze als mögliche Folge.

Bekannt ist dieses Szenario seit 1992, als ein solcher Störfall im schwedischen KKW Barsebäck auftrat. Ein Leckstrahl hatte 200 Kilogramm Dichtungs- und Dämmmaterial von den umgebenden Rohrleitungen gerissen und zerbröselt. Trümmer und Fasermaterial verstopften die Siebe, über die Notpumpen das Kühlwasser ansaugen sollen. Diese liefen irgendwann leer. Die Schweden entgingen nur knapp einer Katastrophe.


Atomaufsicht der Länder muss Rechenschaft ablegen

In der Folge versuchten Kraftwerksbetreiber und Aufsichtsbehörden, das Problem mit konstruktiven Änderungen an den Sumpfsieben in den Griff bekommen. In Deutschland wurden sie unter anderem vergrößert und zugleich ihre Maschenweite verringert. Doch Experimente, die der französische Reaktorbaukonzern Areva auf einem Teststand seines früheren Partners Siemens in Erlangen durchführte, ließen eine neue Gefahr erkennen: Die Dämmstoff-Fasern können sich zusammen mit Korrosionsprodukten an den Halterungen für die Brennelemente ablagern. Dabei bilden sie eine Art Filz, der die Kühlung des Kerns behindert.

Die kleine Lösung ist keine Lösung

Die Versuche zeigten auch, dass ein technischer Trick das Problem lösen könnte. Bei einer Verstopfung der Siebe müsste die Pumprichtung kurzfristig umgekehrt werden. Dann spült der gewissermaßen rückwärts laufende Kühlwasserstrom die Fasern vom Sieb. Doch sogleich tauchte ein neues Risiko auf: Möglicherweise muss für diesen Prozess die aktive Kühlung des Reaktorkerns kurzfristig unterbrochen werden. ´Ob bei der Rückspülung die Kühlung unterbrochen wird, hängt von einigen Randbedingungen ab´, erklärt der Reaktorexperte Christoph Pistner vom Öko-Institut in Darmstadt. ´Die Nachkühlsysteme sind vierfach redundant ausgelegt. Sind alle vier bei einem Kühlmittelverluststörfall voll funktionsfähig, kann man einzelne benutzen, um die Rückspülung durchzuführen. Dann muss die Kernkühlung möglicherweise nicht vollständig unterbrochen werden.´

´Störfallbeherrschung ist nicht gegeben´

Doch für die Sicherheitsanforderungen werden bestimmte Ausfälle unterstellt. Etwa, dass eine Pumpe nicht läuft, weil sie unbemerkt kaputtging, und eine zweite gerade gewartet wird. Dann bleiben zwei Pumpen. ´Sind diese an derselben Sumpfkammer angeschlossen, kann es passieren, dass sie gleichzeitig zur Rückspülung eingesetzt werden müssen. In diesem Fall würde die Kernkühlung unterbrochen´, so Pistner weiter. ´Es hängt auch davon ab, wie schnell die Rückspülung erforderlich ist, also wie schnell sich die Sumpfsiebe zusetzen und ob der Kern schon für eine gewisse Zeit gekühlt wurde, sodass eine Unterbrechung für kurze Zeit möglich ist.´


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´Die Rückspülung ist ein Spiel mit dem Feuer zu einem Zeitpunkt, zu dem es ohnehin schon lichterloh brennt´, warnt indes Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). ´Man versucht, die Kühlung mit einer Maßnahme sicherzustellen, die sie selbst wieder infrage stellt. Wehe, wenn die Umkehrung der Pumpenrichtung in die ursprüngliche Richtung nicht funktioniert.´ Dass diese Maßnahmen untauglich sind, glaubt offenbar auch die deutsche Reaktor-Sicherheitskommission. Im Dezember 2008 stellte sie jedenfalls fest, der erforderliche Nachweis der Störfallbeherrschung sei nicht gegeben. Daraufhin forderte das Bundesumweltministerium im März dieses Jahres die Atomaufsichtsbehörden der Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen, in denen die betroffenen Druckwasserreaktoren stehen, zum Handeln auf.


Koalitionsgespräche verschleppen Zuständigkeiten

Nun legten diese technische Unterlagen vor, mit denen sie die Sicherheit der Reaktoren nachweisen wollten. Doch vor den Experten fanden die Papiere keine Gnade, sie stellten Sicherheitsdefizite fest. Anfang Juli dieses Jahres veröffentlichte die DUH diesen Sachverhalt. Jetzt erst machte Umweltminister Sigmar Gabriel richtig Druck. Er setzte den Ländern bis zum 11. Oktober eine Frist zur Nachbesserung der Nachweise und auch zu begründen, warum sie den Weiterbetrieb betroffener KKW trotz der Gefahr dulden.

Wiederum antworteten die Länder laut dem Umweltministerium fristgerecht, die Schreiben werden derzeit ausgewertet. ´Kann der Nachweis nicht erbracht werden, ist nach dem Atomgesetz die Stilllegung die notwendige Maßnahme, bis die Sicherheit endgültig nachgewiesen ist. Dazu müssen möglicherweise auch Nachrüstungsmaßnahmen durchgeführt werden´, erläutert DUH- Bundesgeschäftsführer Rainer Baake, der früher Staatssekretär im BMU war.

Biblis droht das endgültige Aus

Dies lässt den Betreibern eine Hintertür, die gefährlichen Meiler länger am Netz zu halten. Deshalb fordert Baake, sie unverzüglich endgültig abzuschalten. ´Während in den Koalitionsgesprächen über Laufzeitverlängerungen für angeblich sichere Atomkraftwerke verhandelt wird, zeigt sich, dass bei acht Reaktoren der Nachweis einer Störfallbeherrschung fehlt´, kritisiert er.

Das Berliner Umweltministerium könnte zwar die Länder anweisen, die Stilllegung der Reaktoren zu veranlassen. Dass dies vor dem Regierungswechsel noch geschieht, ist aber unwahrscheinlich, zumal eine atomfreundliche neue Regierung die Entscheidung sofort rückgängig machen könnte.

Zumindest dem Block B des südhessischen KKW Biblis droht jedoch das endgültige Aus. Nach Gabriels erster Anforderung der Sicherheitsnachweise im Juli musste Hessens für die Atomaufsicht zuständiges Umweltministerium eingestehen, den Sicherheitsnachweis nicht führen zu können. Der Betreiber RWE sagte zwar eine Nachrüstung mit verbesserten Sumpfsieben zu. Doch der wegen einer Revision schon zuvor abgeschaltete Meiler ging bis heute nicht wieder ans Netz.

Biblis B steht jedoch nicht nur wegen dieses Problems im Zentrum der Kritik von Kernkraftgegnern. In der deutschen KKW-Pannenstatistik liegt der Meiler, der noch nicht einmal dem Aufprall eines kleinen Verkehrsflugzeugs standhalten würde, auf Platz vier. Die atomkritische Organisation ´Ärzte gegen den Atomkrieg´ (IPPNW) dokumentierte über 200 schwerwiegende Sicherheitsmängel. Deshalb beantragte sie bereits 2005 bei der hessischen Atomaufsicht die Stilllegung des Meilers. Da diese den Antrag ablehnte, reichten die IPPNW-Aktivisten im Dezember 2008 beim hessischen Verwaltungsgerichtshof eine Klage ein.

Laut IPPNW-Sprecher Henrik Paulitz räumte selbst das Wiesbadener Ministerium in einem internen Vermerk ein, dass Biblis B ´selbstverständlich´ nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik entspricht. Paulitz: ´Damit genügt dieses Atomkraftwerk nicht dem vom Atomgesetz geforderten Sicherheitsstandard.´ Zwar ist laut Atomkonsens für Biblis A die endgültige Abschaltung für Ende 2009 vorgesehen, von Biblis B für 2010. Doch durch die von RWE geplante Übertragung von Reststrommengen würde sich die Laufzeit von Biblis B bis 2013 verlängern.


Kernkraft ist keine Brückentechnologie

In den Augen der Kritiker ist die Kernkraft auch keine Brückentechnologie, wie es die Berliner Koalitionäre einschließlich der Bundeskanzlerin Angela Merkel gern darstellen. Sie wollen die KKW laufen lassen, bis die erneuerbaren Energien zuverlässig den in Deutschland benötigten Strom erzeugen. ´Dafür brauchen wir weder Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken noch zusätzliche Kohlekraftwerksblöcke´, argumentiert die DUH. Vielmehr können aus Altersgründen oder wegen des gesetzlich festgelegten Atomausstiegs stillgelegte Großkraftwerke bis 2020 durch den Ausbau der erneuerbaren Energien und neue flexible Gaskraftwerke ersetzt werden. Das bestätige ein Zwischenbericht einer Energiestudie des Solar-Instituts Jülich und der Fachhochschule Aachen.

´Das Festhalten an unflexiblen Großkraftwerken auf Basis von Kohle oder Atomkraft erschwert den von der großen Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gewünschten Ausbau der erneuerbaren Energien zunehmend´, urteilt DUH-Mann Baake. Der Grund: Der naturgemäß unstet anfallende Strom aus Wind und Sonne lasse sich nur dann in das Netz integrieren, wenn flexible, schnell regelbare Kraftwerke den Ausgleich zwischen schwankendem Strombedarf und dem ebenfalls schwankenden Stromangebot schaffen. Für eine Übergangszeit seien dazu mehr flexible Gaskraftwerke notwendig, später könnten Stromspeicher und ein internationaler Stromverbund den notwendigen Ausgleich bewerkstelligen.

Auch Albert Filbert, Vorstandsvorsitzender der Südhessischen Energie AG, deren Tochterfirma Entega zu den Ökostromanbietern zählt, wendet sich gegen die Laufzeitverlängerung der KKW. Sie seien nicht in der Lage, notwendige Schwankungen bei der Einspeisung aus regenerativen Quellen auszugleichen. Zugleich würden wichtige Investitionen in die Moderni­sierung der Erzeugungsstrukturen, insbesondere der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung, mit dem Ausstieg aus dem Ausstiegsbeschluss obsolet. ´Die Kernenergie ist als Brückentechnologie vollkommen ungeeignet´, sagt Filbert. Auch eine Differenzierung in sicherere und weniger sichere Kernkraftwerke sei zu einfach. Nicht nur der laufende Betrieb, sondern auch die Endlagerung sei in die Betrachtung einzubeziehen. Filbert: ´Wer von sicheren Kernkraftwerken spricht, der muss auch belastbar sagen können, wo er den Atommüll sicher endlagert.´

Milliardengewinne für die Stromkonzerne

Beide Experten skizzieren den unvermeidlichen Systemkonflikt zwischen den erneuerbaren und den alten Energietechniken. Er zeigte sich bereits mehrfach an der Strombörse EEX in Leipzig. Ab September 2008 sank der Strompreis wiederholt auf null und sogar darunter, weil vor allem Windkraftanlagen kräftig in das Netz einspeisten. In der Nacht zum 4. Oktober 2009 erreichte der Strompreis ein Allzeittief von minus 500,02 Euro pro Megawattstunde. Der Grund ist laut DUH, dass die Stromkonzerne ihre Kraftwerke auch dann weiterlaufen lassen, wenn die Erneuerbaren den Großteil des Strombedarfs decken. Deshalb müssen sie zahlen, damit ihnen jemand den überschüssigen Strom abnimmt.

Dass Deutschland mit viel weniger der störanfälligen Atommeiler auskommt, ohne dass die Lichter ausgehen, zeigt sich auch daran, dass seit Jahresbeginn zumeist fünf bis acht der insgesamt 17 KKW aufgrund von Pannen, Reparaturen oder Wartungsarbeiten stillstanden. Auch jetzt sind sechs Reaktoren vom Netz, sodass insgesamt nur 64 Prozent der nuklearen Kraftwerkskapazität zur Stromerzeugung verfügbar ist. Der einzige Grund für die Betreiber, um die verlängerten KKW-Laufzeiten zu kämpfen, sind die zu erwartenden Milliardengewinne. Die neue Regierung möchte sie den Konzernen offenbar gewähren. Immerhin plant sie, einen Teil davon abzuschöpfen. Die genaue Ausgestaltung - etwa, ob die erneuerbaren Energien davon profitieren oder vielleicht auch einmal die Verbraucher - steht aber noch in den Sternen.

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