Steuergelder für Atomforschung: FZ Jülich unterläuft Atomausstieg

Wissenschaftler und Techniker des Forschungszentrums Jülich sind am Bau eines neuen Atomkraftwerks in China beteiligt. Immer noch fließen Fördergelder in die Erforschung von veralteten Atomtechnologien. Atomkraftgegner sehen den deutschen Atomausstieg konterkariert und fordern den sofortigen Stopp. Die Politik will Aufklärung.

Es ist ungeheuerlich: Fast drei Jahre nach dem Beschluss des Bundestages zum Ausstieg aus der Atomenergie fließen im Forschungszentrum Jülich immer noch Gelder in die Atomforschung. Wissenschaftler und Techniker sollen sogar an dem Bau eines neuen Atomkraftwerkes im chinesischen Shidao beteiligt sein. In Jülich ist laut einer noch unveröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl und Oliver Krischer unter anderem noch ein Versuchsstand für Kugelhaufenreaktortechnik und einem weiterer für Hochtemperaturreaktor-Versuche in Betrieb – Techniken, die in Deutschland lange aufgegeben wurden. Mit dem“Projekt TARGET“ würden „aktuelle Experimente seit 2012“ über das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Es gehe „um grundlegende Sicherheitsfragen“, das Vorhaben laufe bis Mitte 2015 und habe ein Gesamtvolumen von 503 000 Euro.

Die Grünen im NRW-Landtag fordern den sofortigen Stopp sämtlicher Kernenergie-Programme. „Wir fordern, dass die Kernenergieforschung am Zentrum Jülich eingestellt wird. Auch eine weitere Unterstützung für Atomkraft in China darf es nicht geben“, sagte der Grünen-Fraktionschef Reiner Priggen der „Rheinischen Post“ (Samstagausgabe). Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, sagte der Rheinischen Post: „Das verbohrte Festhalten der Jülicher Forscher an einer gescheiterten Technik ist nicht nachzuvollziehen. Dass es auch noch mit Steuergeld finanziert wurde und wird, ist inakzeptabel.“ „Die Mehrheit der Deutschen hat sich klar gegen Atomkraft ausgesprochen. Sollte in Jülich tatsächlich an riskanten Techniken geforscht und der Bau eines neuen Atomkraftwerks in China unterstützt werden, stünde das im krassen Widerspruch zum Willen der Gesellschaft und der Politik“, sagte NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne). Er spricht von einem „Affront gegen die Steuerzahlenden, die das Forschungszentrum nahezu vollständig finanzieren“. Atomforschung dürfe nicht mit öffentlichen Mitteln betrieben werden. „Der ganze Vorgang muss nun intensiv aufgeklärt und es muss umfassende Transparenz hergestellt werden. Dazu werden wir in den Gremien Erklärungen einfordern“, kündigte Remmel an.

Proteste gegen den Ausbau des ITU Karlsruhe, Bild: BI Müll&Umwelt

Proteste gegen den Ausbau des ITU Karlsruhe, Bild: BI Müll&Umwelt

Doch Jülich ist kein Einzelfall: Das Bundesfinanzministerium fördert mit 500.000 EUR eine Promotionsstelle am Lehrstuhl für Reaktorsicherheit und -technik der RWTH Aachen. Auch in Karlsruhe wird weiter Atomtechnik entwickelt. Mit der Beteiligung an „EURATOM“ ist Deutschland weiter auch in Europa finanziell an der Weiterentwicklung und -nutzung der Atomenergie verstrickt. In Frankreich entsteht u.a. mit deutschen Steuergeldern das nächste atomare Wahnsinns-Projekt: der Fusionsreaktor.

Atomkraftgegner fordern einen sofortigen Förderstopp für Atomtechnik: Die Entsorgung der nuklearen Hinterlassenschaften ist nicht im Ansatz gelöst, doch Forschung und Industrie setzt auf ein „weiter so“, um in aller Welt Geschäfte zu machen. Sie konterkarieren mit dem Pseudo-Argument der „deutschen Sicherheitskultur“ den Atomausstieg und sorgen für den reibungslosen Weiterbetrieb der Atomanlagen in aller Welt. Wir fordern die Bundesregierung auf, diese Steuergelder ausschließlich für die Entwicklung Erneuerbarer Energien und Speichertechniken zu verwenden – statt indirekt den AKW-Bau in Ländern wie China zu unterstützen!

  • EURATOM: Noch mehr Geld für noch mehr Risiko
    17. Januar 2014 – EURATOM verbessert die nukleare Sicherheit in Europa nicht, sondern privilegiert die Atomindustrie und verhindert eine europäische Energiewende. Eine Studie im Auftrag für DIE LINKE im Europaparlament spiegelt die aktuelle Diskussion um eine Abschaffung des EURATOM-Vertrages wider.
  • Aachen: Ist die Reaktorforschung noch zeitgemäss?
    16. August 2012 – Das Bundesfinanzministerium fördert mit 500.000 EUR eine Promotionsstelle am Lehrstuhl für Reaktorsicherheit und -technik der RWTH Aachen. Da diese Arbeit sich mit dem längst gescheiterten Kugelhaufenreaktor befasst, ist die Diskussion um die Sinnhaftigkeit solcher Fördermaßnahmen neu entbrannt. Reaktorforschung und auch das Kernfusionsforschungsprojekt ITER sind keine zukunftsweisenden Technologien und sie werden keinen sinnvollen Platz im Energiemix von morgen haben, meinen AtomkraftgegnerInnen und fordern eine Ende der milliardenschweren Förderung.
  • Forschungsministerin Schavan will mit “Transmutation” den Atomausstieg stemmen
    5. September 2011 – Mit einem großen Energieforschungsprogramm will die Bundesregierung den Atomausstieg möglich machen. Ministerin Schavan hat nun erstmals Grundzüge des millionenschweren Plans vorgestellt. Schavan will ein Netzwerk von Endlagerforschern gründen. Dabei soll es auch um die Technik der Transmutation gehen. Dieses Verfahren verspricht, die Menge von einzulagerndem Atommüll durch gezielte Umwandlung des Strahlenmaterials massiv zu senken, ist aber noch in der Entwicklung. Ein kritischer Beitrag von Annette Teusch.
  • Trotz Atomausstieg mehr Geld für Atomforschung
    18. Juni 2011 – Es offenbart sich die Atomlobby: Mit dem Weiterbetrieb alter Meiler können sie in Deutschland nicht mehr punkten, nun soll die Atomforschung ausgebaut werden, um auf dem Weltmarkt weiter im Geschäft zu bleiben. Millionenbeträge fließen an Gesellschaften, die sich dem Weiterbetrieb der Atomanlagen verschrieben haben.

Quellen (Auszug): Rheinische Post, ExtremeNews.com; 02./04.05.2014