Am 24. Juli 1962 gründeten der Stromkonzern RWE und das damalige Bayernwerk (heute E.On) eine Gesellschaft, die den Betrieb eines Atomkraftwerks (AKW) in Gundremmingen im Donauried vorsah. Es sollte das erste Groß-AKW in Deutschland werden. Damit ist es gerade einmal 50 Jahre her, dass der Startschuss für die Atomenergie in Deutschland fiel. In zehn Jahren soll der letzte Reaktor abgeschaltet werden. Die Kosten für den Bau, den Abriss und eine Lösung für den Atommüll sind gigantisch.

atomanlagen stilllegen!Es war politischer Wille, dass die Industrie in die Atomstromproduktion einsteigt. Die Argumente für Atomenergie klangen zu gut: Die Gewinnung von gigantischen Mengen an elektrischer und thermischer Energie, kein CO2 bei der Herstellung von Energie, keine Abhängigkeit von Öl oder Gas aus politisch unsicheren Ländern, Schaffung zahlreicher neuer Arbeitsplätze und die vermeintlich sicheren Anlagen. Auch der Kostenpunkt sprach vermeintlich für die Atomenergie. Die Energieerzeuger folgen dem Ruf.

Im Juli 1962 besiegelte der Freistaat Bayern den Beginn der kommerziellen Atomstrom-Ära in Deutschland, fünf Jahre später ging Gundremmingen Block A in Betrieb. Der Reaktor diente als großtechnisches Demonstrationskraftwerk und erbrachte damals den Nachweis, dass die Nutzung der Atomenergie auch im industriellen Maßstab möglich ist. Für einige Zeit war es sogar das leistungsstärkste AKW der Welt – bis ein Totalschaden nach einem Blitzeinschlag 1977 zum Aus führte. Die Gesamtkosten für den Bau des Reaktors wurden damals auf 345 Millionen Deutsche Mark veranschlagt.

Zwar musste die Kernkraftwerk RWE-Bayernwerk GmbH rund ein Drittel der Baukosten für Gundremmingen A selbst aufbringen, den Rest übernahmen ERP-Kredite von der Mittelstandsbank KfW, Bürgschaften der Bundesregierung sowie die Atomgemeinschaft Euratom. Geplant war, dass das Kraftwerk zu 72 Prozent ausgenutzt werden sollte, was 6.330 Voll-Laststunden entsprochen hätte. Für die ersten 1,5 Milliarden Kilowattstunden Atomstrom wurde damals ein Preis von 3,85 Pfennig pro Kilowattstunde veranschlagt, darüber hinaus wurden 1,1 Pfennig versprochen. Der Bund verpflichtete sich sogar, einen Großteil möglicher Betriebsverluste zu übernehmen. Block A speiste bis zu seinem Aus nach elf Betriebsjahren insgesamt 13,8 Milliarden kWh Energie in das Stromnetz ein.

Bayern förderte den Ausbau von Atomstrom besonders. Schon 1961 ging mit Karlstein der erste Atomreaktor Deutschlands in Betrieb, der mit 16-Megawatt Leistung vor allem dazu diente, Erfahrungen mit der Technik zu sammeln und Personal zu schulen. Das wohl größte missglückte Projekt ist die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Es gab erbitterte Proteste der Bevölkerung gegen die Plutoniumfabrik – denn Atomkraft spaltet die Bevölkerung: Die einen sahen darin die Schaffung sicherer Arbeitsplätze, verbunden auch mit der Ansiedelung weiterer Industrie. Die anderen kämpften mit aller Macht dagegen und fürchten Unfälle und Umweltkatastrophen. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 eskalierte die Situation. Bei Auseinandersetzungen am Bauzaun wurden viele Menschen durch den Einsatz von CS-Gas, Knüppeln und Wasserwerfern teilweise schwer verletzt, es gab mehrere Tote. Bei der Verfolgung von Demonstranten stürzte ein Polizeihubschrauber ab – ein Beamter starb. 1989 kam aus wirtschaftlichen Gründen das Aus, weil in Frankreich der deutsche Atommüll zu einem Drittel der Kosten entsorgt werden konnte. Rund 3,2 Milliarden Mark hatte die deutsche Energiewirtschaft das WAA-Debakel gekostet. Bis heute wurde Atomkraft laut einer Greenpeace-Studie mit weit über 100 Milliarden Euro subventioniert.

Dem Atomkraftwerksboom in den 1970er-Jahren folgt nun der Ausstieg bis ins Jahr 2022. Der Abriss der AKW verschlingt Milliardensummen und ist eine Generationenaufgabe. Pro Standort kalkuliert E.On für den Rückbau und die Entsorgung im Durchschnitt Kosten von 1,1 Milliarden Euro ein. Für den Abriss des AKW Biblis rechnet RWE mit 1,5 Milliarden Euro.

  • Der Bau des 1971 in Betrieb genommenen AKW Würgassen beispielsweise hatte 400 Millionen DM verschlungen. Der Abriss wird noch deutlich teurer: 700 Millionen Euro kalkuliert E.On dafür ein. Dabei ist Würgassen mit einer Leistung von gut 600 Megawatt noch ein AKW überschaubarer Größe. Auch bei anderen Rückbauprojekten steigen die Kosten deutlich gegenüber den Prognosen.

Die vier Atomkonzerne in Deutschland – neben E.On und RWE sind dies EnBW und Vattenfall – haben insgesamt über 30 Milliarden Euro für den Abriss der Meiler und die Entsorgung zurückgestellt. Doch ob dieses Geld allein für den Abriss der unzählichen Atomanlagen reicht, ist umstritten. Geht ein Konzern – aus welchen Gründen auch immer – insolvent, bleibt der Staat auf der Altlast sitzen.

Besonders die Entsorgung wird die Menschen noch deutlich länger beschäftigen, als die Ära der Atomenergie in Deutschland dauerte. Zur Zeit stehen in drei zentralen und mehr als ein dutzend dezentralen Zwischenlagern Castorbehältern mit Atomüll, der tausende Jahre sicher von der Biosphäre. Eine sichere Entsorgungslösung ist 50 Jahre nach dem Start in die kommerzielle Atomstrom-Ära nicht im Ansatz in Sicht. Im Gegenteil: Nach 35 Jahren Streit um das politisch ausgewählte Gorleben soll die Suche nach einem möglichen Endlagerstandort bundesweit neu aufgerollt werden. Die jahrzehntelange Abgabe der Atommüll-Verantwortung könnte durch die Suche in allen Bundesländern neue Bedeutung bekommen – sofern die Bundesregierung ihre Aufgabe ernst nimmt. Momentan wird das Endlagersuchgesetz allerdings so zugeschnitten, dass auch in einem Auswahlverfahren am Ende wieder Gorleben die Lösung heisst.

“Das Wahnsinnsprojekt Atomkraft ist wie Fliegen ohne Landebahn. Das Flugzeug befindet sich seit 50 Jahren in der Luft und hat nur noch die Möglichkeit abzustürzen”, so Jan Becker von contrAtom. “Jetzt geht es um sofortige Schadensbegrenzung: Abschaltung aller Atomanlagen, um die mit jedem Betriebstag wachsende Atommüllmenge zu begrenzen. Ein weiterer Betrieb der AKW ist fahrlässig und rücksichtslos gegenüber aller folgenden Generationen.”

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    23. Juli 2011 – Deutschland steigt aus. Bis 2022 sollen in einem Stufenplan alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden, das erste bereits 2015. Schwarz/gelb feiert das eigene Einknicken im Fortbestand der Atomenergie als Erfolg, rot/grün stimmt mit dem Argument “alternativlos” zu. In Vergessenheit geraten darf aber nicht, dass die Atomenergie ohne staatliche Subventionen gar nicht existieren könnte. Und der Abbau der Alt-Anlagen wird den Staat noch Milliarden kosten.

Quelle (Auszug): wiwo.de, de.wikipedia.org; 24.07.2012

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