Jedem CASTOR-Transport nach Gorleben ist große öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Doch wie viele tausend Atomtransporte gibt es eigentlich insgesamt in Deutschland Jahr für Jahr? Wo genau verlaufen sie und mit welchen Gefahren sind sie verbunden? Welche Bundesländer und Regionen sind am stärksten betroffen? Und wie ist es um die Sorgfalt der zuständigen Behörden bestellt? Weil über das Aufkommen und die Gefahren der allermeisten Atomtransporte öffentlich wenig bis nichts bekannt ist, haben Bündnis 90 / Die Grünen mit einer Studie nun Licht ins Dunkel gebracht.

Studie: Atomtransporte über die Straße

Studie: Atomtransporte über die Straße

Mit der “Studie zu Transporten radioaktiver Stoffe in der Bundesrepublik Deutschland”, erstellt von Wolfgang Neumann, intac GmbH aus Hannover, liegt der erste umfassende öffentlich zugängliche Überblick über die Hauptstrecken und –orte für Atomtransporte seit der Nutzung der Atomkraft in Deutschland vor. Zu den wesentlichen Ergebnissen der Studie zählt, dass von ca. 500.000 insgesamt pro Jahr stattfindenden Atomtransporten knapp 10.000 in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der Atomstromerzeugung stehen. Das Gefahrenpotenzial dieser Transporte ist deutlich höher als das der übrigen 490.000.

  • Insgesamt gibt es 12 Standorte mit in Betrieb oder Stilllegung befindlichen Atomkraftwerken und 21 Standorte anderer Anlagen, die in nennenswertem Umfang Ausgangs- oder Zielort von Transporten radioaktiver Stoffe im Rahmen der Atomenergienutzung zur Stromproduktion sind. Darüber hinaus durchqueren Deutschland Transporte radioaktiver Stoffe zur Atomenergienutzung im Transit aus und zu europäischen Staaten und Staaten in Übersee.
  • Niedersachsen ist – hauptsächlich bedingt durch die Brennelementfabrik Lingen und die geographische Lage bezüglich der Seehäfen – das von Kernbrennstofftransporten am meisten betroffene Bundesland.

Das höchste Gefahrenpotenzial bergen neben den Transporten hochradioaktiver Abfälle diejenigen von Uranhexafluorid. Deren Anzahl wird trotz Rücknahme der Laufzeitverlängerung in den nächsten Jahren nicht abnehmen. Im Gegenteil: Wegen der Urananreicherungsanlage in Gronau ist mit einer Zunahme zu rechnen. Das Gefahrenpotenzial der Uranhexafluorid-Transporte ist ein Grund mehr, dass die Urananreicherungsanlage in Gronau möglichst bald geschlossen werden sollte.

  • Die Transporte von Uranhexafluorid sind die mit dem höchsten Gesamtgefahrenpotenzial. Die Transportbehälter können bei schweren Unfällen versagen, der Stoff liegt in relativ leicht freisetzbarer Form vor und die Toxizität der bei der Freisetzung entstehenden Stoffe ist sehr hoch. In der Nähe der Unfallstelle befindliche Personen können gesundheitsschädigenden bis tödlichen Belastungen ausgesetzt sein.
  • Ein hohes Gefahrenpotenzial ist auch für Transporte von bestrahlten MOX- und Uranbrennelementen gegeben. Bei sehr schweren Unfällen können die Behälter Versagen und ein Teil des gas- und aerosolförmig vorliegenden Inventars freigesetzt werden. Strahlenschutzrelevante Belastungen können noch in mehreren Kilometern Entfernung von Unfallort auftreten.
  • Ein terroristischer Angriff hat mehr oder weniger katastrophale Auswirkungen auf alle Transporte, bei denen ein höheres Inventar von Kernbrennstoffen oder/und anderen radioaktiven Stoffen befördert wird.

Die Studie ergab auch, dass die meisten Bundesländer mit den Transporten intransparent umgehen und dass in einigen keine Transport-Statistiken geführt werden. Dadurch können weder Orte auffallen, an denen vermeidbare Häufungen von Transporten auftreten, noch können sich die stärker betroffenen Kommunen optimal auf die Beherrschung möglicher Transportunfälle vorbereiten.

  • Bündnis 90 / Die Grünen fordern nun, vor allem die Anzahl der gefährlicheren Transporte zu reduzieren und sie sicherer zu machen.

Dazu sollen in den nächsten Monaten Vorschläge erarbeitet werden, u.a. ob und wie die Transporte stärker von der Straße auf die Schiene verlagert werden können, da Schienentransporte in der Regel sicherer als Straßentransporte sind. Zudem fordern die Grünen mehr Transparenz und eine bessere Erfassung und Auswertung der Transportzahlen und -routen. Andernfalls könnten die Verantwortlichen weder dem Gebot der Strahlenminimierung genügen und noch wirklich ausreichend auf Transportunfälle vorbereitet sein. Hier seien vor allem die Länder gefordert.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden AKW-Stilllegungen wird Umweltminister Röttgen aufgefordert, eine umfassende Sicherheitsbetrachtung auch des Transports von Großkomponenten durchzuführen. Gerade bei den sogenannten Dampferzeugern gibt es eine Vielzahl filigraner Teile, für die noch nicht detailliert untersucht ist, welche Freisetzungen es durch Erschütterungen beim Transport geben kann. Zumindest gibt es keine öffentlichen Studien zu diesem Risiko und den möglichen Abhilfen.

  • Gutachten: Bremen darf Häfen für Atomtransporte sperren
    10. März 2011 – Das Land Bremen kann Atomtransporte nicht verhindern, aber stoppen. Möglich ist das durch eine Teilentwidmung der Bremischen Häfen. Das jedenfalls geht aus einem Gutachten hervor, das die Rechtsanwälte Rainer Kulenkampff und Stefan Ripke im Auftrag der Bürgerschaftsfraktion der Linken erstellten.

Quelle (Auszug): www.kotting-uhl.de; 16.11.2011


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1 Kommentar zu „Studie zu Atomtransporten: Der CASTOR ist nur die Spitze des Eisbergs“

  • Dunkelbunt schreibt am 4. Januar 2013 um 01:51

    “kann tödlich sein” und “Ein terroristischer Angriff hat mehr oder weniger katastrophale Auswirkungen auf alle Transporte, bei denen ein höheres Inventar von Kernbrennstoffen oder/und anderen radioaktiven Stoffen befördert wird.”
    Mir sind die Aussagen definitiv zu schwammig. Unklare Anklage zur Unklarheit der Atomindustrie? Klar ist es Scheisse. Aber Klarheit ginge m.E. beidseitig vor.

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