In Deutschland stehen oder standen Ruinen von Atomkraftwerken, die teilweise nur Wochen in Betrieb waren. Mit Milliarden Euros wurden die Bauten subventioniert. Nun kostet der Abriss Millionen und der Verbleib der radioaktiven Hinterlassenschaften des atomaren Wahnsinns ist völlig unklar. Ein atomarer Wahnsinn auf Kosten der Steuerzahler.

Abriss des Kernkraftwerkes in Arneburg

Abriss des AKW Stendal / Foto: Jens Wolf dpa/lah

Genau zwei Wochen war der Block 5 des Atomkraftwerks Greifswald am Netz. Dann musste er am 24.11.1989 im Rahmen der deutsch-deutschen Wiedervereinigung abgeschaltet werden. Die Reaktoren russischer Bauart waren nach westdeutschen Sicherheitsstandarts nicht zulässig – und eine Nachrüstung viel zu teuer. Auch der Protest aus Politik und Bevölkerung sorgte für die Stilllegung des größten AKW-Komplex in Deutschland: Acht Reaktoren sollten Strom und Wärme für die ehemalige DDR produzieren. Der erste Reaktorblock ging 1973 in Betrieb. Mit seinen vier Blöcken des Typs WWER-440/230 (je 440 MW) deckte es etwa 10 % des Strombedarfs der DDR. Für die 1990er Jahre waren vier weitere Blöcke des Typs WWER-440/213 (je 440 MW) geplant, von denen lediglich Block 5 im März 1989 den Probebetrieb und am 01.11. den kommerziellen Betrieb aufnahm. Es handelte sich damit um das größte, in Deutschland geplante und betriebene Atomkraftwerk – und den Stolz der damaligen DDR. Die endgültige Abschaltung aller Reaktorblöcke geschah 1990 im Zuge der deutsch-deutschen Wiedervereinigung aufgrund von eklatanten Sicherheitsmängeln. Heute ist das Kraftwerk eine der größten AKW-Rückbauprojekte der Welt. Die Kosten für den Abriss wurden auf drei bis fünf Milliarden Euro geschätzt. Bis 2007 wurden bereits 2,5 Milliarden Euro investiert. 2012 soll der Rückbau beendet und der Zustand „Grüne Wiese“ erreicht sein. Von den etwa 10.000 Menschen, die zu Betriebszeiten im Kraftwerk arbeiteten, sind heute noch etwa 1.000 beschäftigt.

1,5 Pfennig pro Kilowattstunde sollte der Atomstrom aus dem Hochtemperaturreaktor kosten. Der Leistungsbetrieb des Thorium-Hochtemperaturreaktors Hamm-Uentrop wurde 1988 nach drei Jahren Betriebszeit eingestellt. Der THTR-300 wurde 1989 stillgelegt und befindet sich seit 1997 im “Sicheren Einschluss”. Von 1985 bis 1989 verzeichnete der Reaktor nur 16.410 Betriebsstunden mit einer Leistung an elektrischer Arbeit von 2.891.000 MWh – entsprechend einer Volllastbetriebsdauer von 423 Tagen. 125 Störfälle wurden verzeichnet – 1986 trat sogar Radioaktivität aus. Anti-Atom-AktivistInnen hatten so häufig gegen den Reaktor geklagt, dass sich er Betrieb finanziell nicht mehr lohnte. Umweltinitiativen machen hingegen die technischen Pannen im Reaktorsystem für das Scheitern verantwortlich. Der Reaktor verursacht durch den “sicheren Einschluss” Kosten in Höhe von 6,5 Millionen EUR jährlich und enthält noch ca. 390 Tonnen Atomschrott. Frühestens 2027, nach Abklingen der Radioaktivität, kann er endgültig abgerissen werden. Die Bundesregierung und das Land Nordrhein-Westfalen haben nach eigenen Angaben bisher mehr als 1,7 Milliarden Euro bereitgestellt, um den THTR-300 stillzulegen. Ein Tag THTR-Strom kostete so rund 12,5 Millionen Euro. Die Gesamtkosten werden nach vorsichtigen Schätzungen der örtlichen BI auf insgesamt mehr als 5,3 Milliarden Euro beziffert.

Das Atomkraftwerk Großwelzheim, auch bekannt als Heißdampfreaktor Großwelzheim (HDR), war ein Versuchskernkraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 25 Megawatt. Es handelte sich dabei um einen Heißdampf-Siedewasserreaktor mit integrierter nuklearer Überhitzung. Das Kraftwerk ging am 14. Oktober 1969 in Betrieb, wurde aber bereits im April 1971 wieder stillgelegt. In den 1990er Jahren wurde es zurückgebaut, der Rückbau ist seit 1998 abgeschlossen.

Das Atomkraftwerk Niederaichbach war ein Druckröhrenreaktor, in dem nicht angereichertes Natururan als Brennstoff eingesetzt wurde. Das Kraftwerk war von 1973 bis 1974 im Betrieb, die in dieser Zeit bereitgestellte Energie entsprach rund 18 Tagen Volllast. Schon während der Inbetriebnahme zeigten sich Probleme mit den relativ komplex aufgebauten Dampferzeugern, die einen aufwendigen Austausch erfordert hätten. Da in der Zwischenzeit aber die Beschränkungen für den Umgang mit angereichertem Uran weggefallen waren und die Entwicklung der technisch einfacheren Leichtwasserreaktoren weiter fortgeschritten war, entschied man sich, das Konzept nicht weiter zu verfolgen. Niederaichbach wurde stillgelegt und abgebaut. Zwischen 1987 bis 1995 erfolgte der erste europaweite, vollständige Rückbau eines AKWs zur “grünen Wiese”, die Kosten beliefen sich auf etwa 280 Millionen Euro. 135 Millionen Euro hat der Bund zur Verfügung gestellt.

Nach nur einem Jahr Betrieb wurde das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich nach einem Gerichtsbeschluss 1988 abgeschaltet. Im nur 13-monatigen Probetrieb hatte es über 100 Pannen gegeben. Am 22.12.1972 wurde der Antrag auf Genehmigung und Betrieb nach §7 Atomgesetz gestellt. Die Landesregierung unter Ministerpräsident Helmut Kohl schickte am 09.01.1975 den Genehmigungsbescheid zur Errichtung des AKW, die erste Teilgenehmigung. Diese Teilgenehmigung wurde später aufgehoben: Ihr grundlegender Fehler war, daß ein veraltetes Konzept (Kompaktbauweise) zur rechtlichen Grundlage für eine neue Bauweise gemacht werden sollte. Außerdem fehlte es an einer Sicherheitsprüfung und einem vorläufigen positiven Gesamturteil bezüglich der neuen Gebäudeanordnung für das AKW. Ein wesentlicher Kritikpunkt war auch mangelnde Erdbebensicherheit , weil es genau auf einer tektonischen Spalte gebaut wurde. Mit der Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen über den weiteren Betrieb der Kernkraftwerke (“Atomkonsens”) wurde 1999/2000 das lange juristische Ringen über die Zukunft des AKW beendet. Am 12. Juni 2001 wurde der Antrag auf Stilllegung und Abbau gestellt. Nach Vorlage der ersten Stilllegungsgenehmigung Anfang 2004 wurde mit den Rückbauarbeiten begonnen. Die Baukosten beliefen sich auf 3,58 Millionen, der Rückbau soll etwa 725 Millionen Euro kosten.

Das Atomkraftwerk Gundremmingen-A war mit seiner Inbetriebnahme 1966 der erste kommerzielle Atomreaktor der BRD zur industriellen Stromerzeugung und gleichzeitig das damals weltweit größte AKW. Es handelte sich um einen Siedewasserreaktor mit einer Leistung von 237 MW, der nach 10 Jahren Betrieb einen Totalschaden erlitt und stillgelegt werden musste. Am 13.01.1977 rissen beide vom AKW wegführenden Stromleitung nach einem Blitzschlag und hoher Eislast. Es kam zu einer Reaktorschnellabschaltung, dabei ereignete sich eine ganze Serie von Pannen und Fehlern: schneller Druckanstieg und Dampfabblasung ins Reaktorgebäude, in Folge dessen zu Rissen in Sicherheitsventilen und Rohrleitungen. Innerhalb weniger Sekunden strömten 200.000 Liter radioaktiver Dampf in das Reaktorgebäude. Schon nach rund zehn Minuten stand im Reaktorgebäude das Wasser drei bis vier Meter hoch, die Temperatur war auf brisante 80 Grad Celsius angestiegen. Vier Tage nach dem Störfall wurde die Radioaktivität im Reaktorgebäude über den Kamin freigesetzt. Der TÜV verordnet ein völlig neues Sicherheitskonzept, Politik und Aufsichtsbehörden verlangten eine Modernisierung der Leit- und Sicherheitstechnik auf den Stand der Technik. Über Monate und Jahre wurde langsam bekannt, daß der Reaktor nicht mehr repariert werden würde, da die geforderten Baumaßnahmen zur Nachbesserung zu teuer waren. Seit 1990 wird der Atomreaktor zurückgebaut. Insgesamt soll laut einer Schätzung von 2001 der gesamte Abbruch der Anlage und die Entsorgung des radioaktiven Mülls rund 500 Mio. DM kosten.

Durch die gewaltigen Kosten beim Bau und der anschließenden Bereithaltung für einen eventuellen späteren Betrieb wurde das Schnelle-Brüter Kraftwerk Kalkar eine der größten Investitionsruinen Deutschlands. Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben 2,177 Milliarden Euro Steuergelder investiert. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung spricht von 3,6 Milliarden Euro Kosten. Zwischen 1973 und 1985 wurde der Reaktor gebaut, der den Durchbruch der deutschen Plutoniumwirtschaft bedeuten sollte – aber aus politischen Gründen nie eine Betriebsgenehmigung erhielt.Im Gegensatz zu Leichtwasserreaktoren sollte der Brutreaktor nicht nur das vergleichsweise seltene Uran-235 verwenden, sondern auch das viel häufigere Uran-238 in spaltbares Plutonium umwandeln, was somit für weiteren Brennstoff sorgen sollte. Da die Uranvorräte in Deutschland begrenzt sind, erhofften sich die Befürworter der Atomenergie eine erheblich effizientere Ausnutzung dieser Vorräte, so dass Deutschland auf unabsehbare Zeit von Energieimporten unabhängig werden könnte. 1977 gab es in Kalkar eine erste Demonstration, bei der 40.000 Menschen auf die Straße gingen. Die Gegner des Projekts reichten Klage beim Bundesverfassungsgericht ein. Die Enquête-Kommission des Bundestags erwirkte eine vierjährige Unterbrechung des Baus. Durch verschärfte Sicherheitsauflagen sollten die Bedenken ausgeräumt werden. Hierdurch wurde das Projekt allerdings auch immer teurer. Ursprünglich hatte der Reaktor 1,7 Milliarden Mark kosten sollen. Nun kostete er insgesamt 7 Milliarden Mark. Trotzdem wurde der Bau 1985 fertiggestellt. Das flüssige Natrium zirkulierte nun im Kühlkreislauf und musste mit elektrischen Heizelementen warm gehalten werden, um nicht zu erstarren. Der Reaktor war nun prinzipiell einsatzbereit, ab sofort fielen pro Monat mehr als fünf Millionen Euro Betriebskosten an. Das Land Nordrhein-Westfalen verweigerte allerdings gegen den Willen der damaligen Bundesregierung die Betriebsgenehmigung. Infolge der Katastrophe von Tschernobyl schlug die Stimmung endgültig gegen den Reaktor um. Da es im Fall einer Inbetriebnahme zur radioaktiven Kontamination von Anlagenteilen kommen würde, die im Fall einer vorzeitigen Außerbetriebnahme wie beim Hochtemperaturreaktor in Hamm eine Weiternutzung des Gebäudes ausschließen würde, verkündet Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber am 21. März 1991 das endgültige Aus für das Kraftwerk.

Drei rohbaufertige Kühltürme, ein halbfertiger und ein angefangener Reaktorblock, zahlreiche Maschinenhäuser und Nebenanlagen. Das waren die Überbleibsel des unvollendeten Atomkraftwerkes Arneburg bei Stendal – einst die größte Baustelle der DDR. Es sollte mit vier 1.000 MW-Blöcken der größtes Kernkraftwerkspark der ehem. DDR werden. Etwa 10.000 Arbeiter verbauten dort täglich bis zu 1,2 Millionen Mark, bis zum Ende über eine Milliarde DDR-Mark. Um die Großbaustelle zu bewachen, gab es sogar ein eigenes Polizeirevier und eine Zentrale der Staatssicherheit. Block 1 wurde zu 90%, Block 2 zu 15% fertig gestellt – dann wurde der Bau abgebrochen. Ursache: russische Reaktortypen vom Typ WWER-1000/320, die nach deutschen Standarts nicht zulässig waren.

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Quellen: de.wikipedia.org, contratom.de (div.); 17.08.2011


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