Auch kein AKW-Neubau in Schweden

Vattenfall gibt auf: Auch in Schweden wird kein neues Atomkraftwerk gebaut. Dank des Ausbaus der Erneuerbaren Energien rechnet sich ein neuer Reaktor nicht mehr, denn das Land ist auf dem Weg zum Stromüberschuss.

Schweden ist aufgrund des Ausbau erneuerbarer Stromproduktion auf dem Weg zu einem Stromüberschuss: Dieser werde 2020 etwa 23 Terawattstunden betragen. Deshalb rechnet sich der Bau von Atomkraftwerken nicht mehr, vermuten Atomkraftgegner. Der Energiekonzern Vattenfall hat seinen Kooperationspartnern, einer Gruppe industrieller Stromgroßverbraucher der Papier- und Stahlbranche, die sich unter dem Namen „Industrikraft“ zusammengeschlossen hatten, eine Absage erteilt.

  • Man wollte gemeinsam mindestens ein neues AKW bauen, „da die Sicherung von Arbeitsplätzen auf konkurrenzkräftigen Strompreisen beruht“, so die Gruppe in 2009. Eine Inbetriebnahme wurde in den 2020er Jahren ins Auge gefasst.

Generaldirektor Øystein Løseth dementierte laut „Dagens Industri“ postwendend: die Planung für den Bau eines neuen Atomkraftwerks soll in den nächsten Jahren beginnen, Bauzeit wäre dann in den 20er Jahren. Der erste Meiler solle als Ersatz für die Stillegung des ältesten Reaktors am Standort Ringhals dienen. Wer diesen dann finanzieren soll, ist offen.

  • Update 10.07.: Die Firma Vattenfall dementiert die Kernaussagen des Artikels aus Dagens Industri vom 7.7. in einer eigenen Pressemitteilung: Demnach gibt es „zur Zeit keine konkreten Pläne oder Entscheidungen für den Neubau“ von Atomkraftwerken in Schweden. Allerdings sollen bis 2016 25 Milliarden Kronen (etwa 2,8 Milliarden Euro) in Modernisierung, Leistungssteigerung und Sicherheit der Atomkraftwerke Ringhals und Forsmark investiert werden.

In Schweden wurden zwischen 1975 und 1985 insgesamt zwölf Atomreaktoren in den vier Kraftwerken Barsebäck, Forsmark, Oskarshamn und Ringhals in Betrieb genommen. Sie deckten zusammen etwa die Hälfte des heimischen Strombedarfs.

Nach der nur knapp verhinderten Kernschmelze im US-Atomkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg (Pennsylvania) im Jahr 1979 entschied sich die Bevölkerung des skandinavischen Landes am 23. März 1980 bei einer Volksabstimmung für den grundsätzlichen Ausstieg aus der Kernenergie.

Weil die Volksabstimmung keine konkreten Handlungsanweisungen beinhaltete, entschied der Stockholmer Reichstag, dass alle Reaktoren bis 2010 abgeschaltet sein sollten. Außerdem wurde ein Verbot von Neubauten verabschiedet. Einziger konkreter Schritt blieb deshalb die zweistufige Abschaltung des Atomkraftwerkes Barsebäck bei Malmö 1999 und 2005. Die Zielmarke 2010 wurde schon 1997 aufgegeben, weil die Regierung feststellte, dass bis dahin nicht genügend alternative Energiequellen erschlossen sein würden.

Im Februar 2009 wurde der 1980 in einer Volksabstimmung gefasste Beschluss, bis 2010 alle Meiler abgeschaltet zu haben, rückgängig gemacht. Gleichzeitig wurde der Weg zum Neubau von AKW geebnet. Der Schwenk war von langer Hand vorbereitet, die Industrie hatte Anfang 2009 eine PR-Kampagne für neue Atomkraft gestartet. Auch Gewerkschaften aus Branchen mit hohem Energiebedarf ließen sich einspannen. Die Argumentation: Klimawandel. Schweden wollte bis 2020 unabhängig sein vom Öl. Der Vorsitzende der Christdemokraten, Göran Hägglund, meinte, man habe vor 29 Jahren nicht ahnen können, wie schlecht es um die Erde bestellt sei und welche Probleme der Klimawandel mit sich bringe.

Der „Kompromiss“, auf den sich Atomfreunde- und kritiker geeinigt haben: In Schweden dürfen in Zukunft jeweils nur an den vorhandenen Standorten und auch dort nur zur Ausmusterung anstehende Altreaktoren durch Neubauten ersetzt werden. Die Zahl von zehn Reaktoren, die es derzeit gibt, soll nicht überschritten werden. In der Praxis heißt das: Ausgediente Reaktoren mit einer Leistung zwischen 500 und 900 Megawatt werden durch nun übliche Neubaumodelle von 1.600 bis 2.000 Megawatt ersetzt.

Als erster Schritt sollte aber die Leistung der bestehenden Reaktoren erhöht werden – was misslang. Das groß angelegte „Tuning-Programm“ für alte Atomkraftwerke liess seit Frühjahr 2010 über die Hälfte der Reaktoren stillstehen und die Stromrechnungen der Verbraucher steigen. Die Atomkraftwerke lieferten nur 35 Prozent ihrer Nennleistung ins Netz.

Im März 2009 waren die Arbeiten zur „Effekterhöhung“ beim Reaktor Oskarshamn 3 begonnen worden. Aus geplanten drei Monaten Umbauarbeiten wurden neun. Seither scheiterten alle Versuche, den von ursprünglich 1.152 auf jetzt 1.450 Megawatt (MW) Leistung getunten Reaktor – auf dem Papier ist er damit der leistungsstärkste Siedewasserreaktor der Welt – in Betrieb zu nehmen. Dreimal gab es Turbinenhavarien, wegen ungeklärter Vibrationen musste der Reaktor immer wieder heruntergefahren werden. Bis März 2011 wurden alle Versuche abgebrochen, die neue Kapazität zu erreichen.

Auch im getunten Vattenfall-Reaktor Forsmark 2, dessen Leistung im vergangenen Sommer von 990 auf 1.100 MW erhöht wurde, gibt es massive Porbleme mit vibrierenden Ventilen und Turbinen. Alle Umbauten haben bislang nichts geholfen, nach 12 Tagen Betrieb im September wurde der Reaktor wieder abgestellt und alle Ventile mussten gewechselt werden.

  • Mit dem Zusammenmixen alter und neuer Komponenten werde das Sicherheitsniveau erheblich gesenkt, so Lars-Olov Höglund, Mitkonstrukteur des Atomkraftwerks Forsmark. Dadurch würden „die nächsten 10 bis 20 Jahre die gefährlichsten Jahre der schwedischen Reaktoren werden“.

Dass auf die Atonkraftwerke kein Verlass mehr ist, mussten die SchwedInnen im Winter 2009 mit kräftigen Preissprüngen bei den Stromkosten bezahlen. Fast 1 Milliarde Euro hätten die unzuverlässigen Atomkraftwerke die schwedischen KonsumentInnen zusätzlich gekostet, in ganz Skandinavien seien es fast 2 Milliarden gewesen, so der Energieratgeber „Bergen Energi“.

Mehrheit gegen AKW-Neubau

Laut einer aktuellen Umfrage nach dem Super-GAU von Fukushima steht die Hälfte aller Schweden der Atomenergie kritisch gegenüber. 60 Prozent lehnen den Neubau von AKW ab. 2009 votierte noch eine Mehrheit für Atomenergie.

ipsos-Umfrage Atomkraft, April 2011

ipsos-Umfrage Atomkraft, April 2011

  • AKW-Boom in England?
    5. Juli 2011 – England hält auch nach Fukushima am Bau von neuen Atomkraftwerken fest. Die britische “nationale Nuklear-Planungsrichtlinie” nannte acht potenzielle Standorte im ganzen Land, die für den Bau neuer Atomkraftwerke bis 2025 geeignet sind. Das Land müsse laut Minister of State for Energy bis 2020 ein Viertel der Stromerzeugungskapazitäten mit “sicherer, kohlenstoffarmer, bezahlbarer Energie” ersetzen – und plant deshalb den Bau von neuen Atomreaktoren. RWE und E.ON als mögliche Investoren sind bereits abgesprungen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Quellen (Auszug): taz.de, ftd.de, dpa, knowledgecenter..de, Dagens Industri; 07.07.2011