Norbert Röttgen tut so, als sei auch er für den Atomausstieg. Die Atomkraft solle nur solange genutzt werden, bis erneuerbare Energien sie ersetzen könnten, beteuerte der Bundesumweltminister gerade wieder in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Wäre das ernst gemeint, dann wären damit Laufzeitverlängerungen für die Atomkraftwerke vom Tisch.Sogar der von der Bundesregierung eingesetzte Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) geht davon aus, dass erneuerbare Energien die Atomkraft problemlos ersetzen können, wenn bis zum Jahr 2022 nach und nach alle 17 deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden, wie es im Atomkonsens vereinbart wurde.
´Weder Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke noch neue Kohlekraftwerke sind erforderlich. Die Brücke zu den erneuerbaren Energien steht bereits”, sagte der Energieexperte des Umweltsachverständigenrates, Prof. Dr. Olav Hohmeyer. Der Umweltsachverständigenrat stützt sich dabei auf Modellrechnungen des renommierten Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zu dem selben Ergebnis kam auch das Umweltbundesamt in mehreren Studien.
Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) geht davon aus, dass bis 2020 bereits 47 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland aus regenerativen Energiequellen gedeckt werden können. Das hat das Fraunhofer Institut für Energiesysteme im Auftrag des Branchenverbandes ausgerechnet. Zum Vergleich: Der Anteil der Atomkraft an der Stromversorgung in Deutschland betrug 2009 nur 22,6 Prozent. ´Die Erneuerbaren Energien werden die von Minister Röttgen formulierten Bedingungen für das Ende der Kernkraftnutzung noch vor 2020 erfüllen. Damit kann und muss es auch nach Lesart des Ministers beim vereinbarten Atomausstieg bleiben´, schlussfolgert BEE-Präsident Dietmar Schütz.
Auch die von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie ´Klimaschutz: Plan B 2050” kommt zu dem Ergebnis, dass die erneuerbaren Energien die Atomkraft schon bis zum Jahr 2015 vollständig ersetzen können. Wenn es Röttgen wirklich um die erneuerbaren Energien ginge, dann müsste er also für Laufzeitverkürzungen eintreten. Die sieben ältesten und gefährlichsten Atomkraftwerke sowie den Pannenreaktor in Krümmel könnte man sofort abschalten, ohne dass deshalb irgendwo die Lichter ausgingen. Doch stattdessen will der CDU-Mann die Laufzeiten für die alternden Atomkraftwerke drastisch verlängern, von derzeit 32 auf 40 oder 42 Jahre - also um mehr als dreißig Prozent!
Doch einigen Atomfetischisten geht das noch nicht weit genug: Der baden-württembergische Ministerpräsident Mappus forderte sogar Röttgens Rücktritt, weil acht oder zehn Jahre mehr nicht genug seien. Und Vizekanzler Westerwelle (FDP) soll Medienberichten zufolge in einer Koalitionsrunde einen regelrechten Tobsuchtsanfall bekommen haben, weil Röttgen die Laufzeiten nicht noch stärker verlängern will. Mithilfe der völlig maßlosen Forderungen von Mappus, Westerwelle, Brüderle + Co hat es Röttgen immerhin geschafft, seine eigenen Laufzeitverlängerungspläne der Öffentlichkeit als ´moderat” zu verkaufen. Das ist so, als würde eine Gewerkschaft Lohnerhöhungen von über 30 Prozent fordern und das auch noch als ´moderat” bezeichnen.
Leute die Norbert Röttgen persönlich kennen, schildern ihn als einen nachdenklichen und sympathischen Menschen. Manche glauben sogar, er würde die Atomkraftwerkslaufzeiten am liebsten gar nicht verlängern - so wie es ihm seine wissenschaftlichen Berater empfehlen. Aber er sehe nur leider keine Möglichkeit, das in der schwarz-gelben Koalition durchzusetzen. Wie dem auch sei: Röttgen betreibt pure Volksverdummung, wenn er behauptet, die erneuerbaren Energien könnten die Atomkraft bis zum Jahr 2020 nicht ersetzen und acht oder zehn Jahre Laufzeitverlängerung seien völlig harmlos. In Wahrheit geht es der Koalition nur um die zusätzlichen Milliardenprofite für die Atomkonzerne, die mit längeren Laufzeiten verbunden wären. Wenn es überhaupt so etwas wie einen roten Faden in der Politik der schwarz-gelben Koalition gibt, dann ist es Klientelpolitik für Konzerne. < zur Artikelübersicht
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