Die Atomkraft hat eine glühende Verfechterin verloren: Kanzlerin Merkel will vom Ausstieg aus dem Atom-Ausstieg offenbar nichts mehr wissen. Die Chancen für längere Laufzeiten schmelzen dahin. Sicher ist nur: Die Brennelementesteuer kommt.Eine CDU/CSU-Regierung wird es den Betreibern ermöglichen, Kernkraftwerke so lange zu betreiben, wie sie wollen´, sagte Angela Merkel. Vom Ausstieg aus der Atomenergie, wie ihn Rot-Grün beschlossen hatte, hielt sie weniger als nichts.
Das war im Jahr 2003. Zwei Bundestagswahlen später sieht es so aus, als würde die Physikerin Merkel sich selbst verraten. Während die Regierungschefin durch die Südtiroler Bergwelt wandert, glaubt in den Regierungsfraktionen und in den betroffenen Unternehmen kaum jemand mehr daran, dass es einen echten ´Ausstieg aus dem Ausstieg´ geben wird
Allenfalls ein minimales Zugeständnis an die Betreiber erscheint noch erreichbar. Es verfestigt sich der Eindruck, dass Merkel das Thema ad acta legen will.
Kritik an Kanzlerin: ´Untätigkeit hat Methode´
Die Resignation sei enorm, heißt es aus dem Wirtschaftsflügel der Unionsfraktion. Die Frage der Laufzeitverlängerung hänge mittlerweile zu lange in der Luft, mit jedem Tag ohne Entscheidung würden die Chancen für einen Durchbruch schwinden.
´Die Untätigkeit der Kanzlerin hat Methode´, sagt ein Mitglied der Unionsfraktion. Es geht der CDU-Chefin schließlich auch um die künftige Bündnisfähigkeit der CDU mit den Grünen.
Sie billige der Kernenergie allenfalls eine Brückenfunktion zu, sagt sie mittlerweile. Ihren Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), der die Kernkraft auch öffentlich kritisiert, ließ sie gewähren, als dieser für eine möglichst kurze Verlängerungszeit stritt. Erst am Mittwoch dieser Woche betonte Röttgen, er ´erhalte aus der Partei und in der Bevölkerung breite Unterstützung´ für seinen Kurs.
Aus dem Umfeld Röttgens heißt es ergänzend, er besitze die volle Rückendeckung der Kanzlerin.
Mittlerweile läuft die Zeit davon. Langsam, aber sicher wachse das Risiko, dass das Thema dann schon mit Blick auf die nächste Bundestagswahl 2013 nur noch mit spitzen Fingern angefasst werde, heißt es in der Koalition.
Industrie fühlt sich überrumpelt
Lange hatte sich die Energiebranche auf die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Zusage verlassen, die Laufzeiten der noch 17 aktiven Kernkraftwerke zu verlängern und damit den von Rot-Grün mit der Branche vereinbarten Ausstieg aus der Kernenergie auszuhebeln. Noch Ende Mai, erinnert sich ein hochrangiger RWE-Manager, habe Unionsfraktionschef Volker Kauder Konzernchef Jürgen Großmann bei einem Abendtermin versichert, über die Atomfrage brauche man gar nicht zu sprechen, die Sache sei beschlossen.
Um so härter sei man Anfang Juni erwischt worden. Die Kabinettsklausur sollte die Revision des Atomausstiegs endgültig auf den Weg bringen. Doch das Gegenteil war der Fall: Während die Frage der Laufzeiten offenblieb, wurde die Branche mit einer Steuer auf die Brennelemente konfrontiert, die pro Jahr 2,3 Mrd. Euro zur Sanierung des Haushalts beitragen soll.
Betreiber drohen schon mit Klage
Die Abgabe schmerzt die vier Betreiber der deutschen Kernkraftwerke, Eon, RWE, Energie Baden-Württemberg und Vattenfall Europe, sehr. Sie schmälert direkt die Margen, umlegen auf den Strompreis lässt sie sich faktisch nicht. Und sie trifft alle Kernkraftwerke sofort.
Die Branche geht daher jetzt auf Konfrontationskurs: Der neue Präsident des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner, stellt nun die Maximalforderung nach unbegrenzten Laufzeiten. Die Anlagen sollten so lange am Netz bleiben, ´wie sie sicher sind und ihren Beitrag liefern´, sagte er gestern.
Und sollte die Bundesregierung tatsächlich an ihren Plänen zur Einführung der Steuer festhalten, werde man ´selbstverständlich Rechtsmittel prüfen´, so Güldner gegenüber dem Handelsblatt. Nun wird das Verhältnis der Kernenergiewirtschaft mit den Konservativen womöglich da besiegelt, wo viele Liebesbeziehungen auch enden - vor Gericht.
Schnelle Einigung rückt in weite Ferne
In der Energiebranche herrscht Katerstimmung. ´Die Hoffnung stirbt zuletzt´, sagte ein Eon-Manager. Dabei war die Branche nach dem Wahlsieg von Union und FDP im Herbst 2009 bester Stimmung. Endlich schien eine Revision des Atomausstiegs in greifbarer Nähe, den Rot-Grün 2000 mit der Branche vereinbart und 2002 in Gesetzesform gegossen hatte.
Im Koalitionsvertrag verankerte Schwarz-Gelb das ehrgeizige Ziel: ´In einer möglichst schnell zu erzielenden Vereinbarung mit den Betreibern´ werde man zu den Voraussetzungen einer Laufzeitverlängerung nähere Regelungen treffen.
´Nach der Bundestagswahl hofften wir, es würde rasch zu einer Lösung kommen. Diese Hoffnung wurde bisher nicht erfüllt´, sagte Ralf Güldner, der neue Präsident des Deutschen Atomforums, dem Handelsblatt. Man habe geglaubt, die Politik werde ein Paket schnüren, ´das einen angemessenen Ausgleich für eine Laufzeitverlängerung beinhaltet und dabei das Thema Sicherheit angemessen berücksichtigt. Was die Bundesregierung bis jetzt präsentiert hat, ist noch weit davon entfernt.´
Für die Unternehmen geht es um viel Geld. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hat die Gewinne, die die vier Betreiber erzielen, wenn ihre abgeschriebenen Anlagen länger laufen, anhand unterschiedlicher Strompreise und Laufzeiten berechnet. Selbst bei einem moderaten Strompreis hätte eine Verlängerung um zehn Jahre einen Wert von 21 Mrd. Euro. Bei 15 Jahren wären es fast 30 Mrd. Euro und bei 20 Jahren 36 Mrd. Euro.
Neue Steuer bringt Unternehmen in Rage
Eine Vereinbarung mit den Betreibern ist nicht einmal in Ansätzen erkennbar - zusätzliche Belastungen hingegen schon genau definiert: Die neue Brennelementesteuer, ein zentrales Element des jüngsten Sparpakets der Bundesregierung, soll dem Bund jährlich 2,3 Mrd. Euro bringen.
Die Unternehmen bringt das in Rage. Die Brennelementesteuer sei nur akzeptabel, wenn die Laufzeiten jetzt um mehr als zehn Jahre verlängert würden, sagte ein Eon-Manager. Hinzu kommt: Dass neben der Brennelementesteuer noch weitere Einnahmen abgeschöpft werden sollen, bestreitet in der Bundesregierung niemand.
Im Herbst will die Bundesregierung das neue Energiekonzept vorlegen, bei dem es vor allem um die Atomfrage geht. Die Versorger wappnen sich schon jetzt für den Fall, dass es bei der Laufzeitverlängerung keine für sie akzeptable Lösung gibt. ´Wir müssen uns den Klageweg offen halten´, sagte eine RWE-Manager. Die Brennelementesteuer sei ´eine Katastrophe´.
Diplomatischer formulierte es Güldner: ´Die Begründung für die Einführung der Steuer ist alles andere als überzeugend´, sagte er. ´Die Kernkraftwerkbetreiber sollen einen Ausgleich dafür zahlen, dass sie nicht durch die Kosten des Emissionshandels belastet werden. Es ist nun einmal einer der großen Vorteile der Kernkraftwerke, dass ihre Stromproduktion klimafreundlich ist. Das darf nicht bestraft werden.´
Außerdem verweist die Branche auf die Ausstiegsvereinbarung, die die Unternehmen mit der rot-grünen Regierung getroffen hatten. Dort heißt es, die Bundesregierung werde ´keine Initiative ergreifen, mit der die Nutzung der Kernenergie durch einseitige Maßnahmen diskriminiert wird. Dies gilt auch für das Steuerrecht.´
Die Kanzlei Clifford Chance hat bereits verschiedene Möglichkeiten ausgelotet, gegen die Steuer vorzugehen. Fazit: ´Den Versorgern stehen die unterschiedlichsten Rechtswege offen´, so Rechtsanwalt Marc Scheunemann. Es drohe eine lange Zeit der Rechtsunsicherheit, die niemandem diene.
Bundesrat kann längere Laufzeit kippen
Mit der Brennelementesteuer schaffe die Regierung eine neue Steuerkategorie, sagte Scheunemann. Sie sei weder eine Verbrauchs-, eine Vermögens- noch eine Verkehrssteuer. Deshalb wäre für die Brennelementsteuer eine Verfassungsänderung nötig - mit einer Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat.
Außerdem könnte die Steuer laut Scheunemann auch den Europäischen Gerichtshof beschäftigen. ´Die Steuer verstößt gegen EU-Recht, sie ist nicht mit der EU-Energiesteuerrichtlinie vereinbar.´ In der Richtlinie aus dem Jahr 2003 wird den Mitgliedstaaten untersagt, Energieerzeugnisse, die bei der Stromproduktion eingesetzt werden, zu besteuern. Das treffe für Brennelemente genauso zu wie für Kohle.
Doch selbst ohne die Brennelementesteuer bleiben große juristische Unsicherheiten. Kommt es noch zu einer Laufzeitverlängerung, wird ein Streit entbrennen, ob der Bundesrat der erforderlichen Änderung des Atomgesetzes zustimmen muss. Seit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gibt es in der Länderkammer keine schwarz-gelbe Mehrheit mehr.
Die Zwickmühle: Wenn die Bundesregierung den Bundesrat einschaltet, würde das Projekt Laufzeitverlängerung dort scheitern. Versucht die Bundesregierung, die Länderkammer zu umgehen, wollen mehrere Bundesländer dagegen klagen. < zur Artikelübersicht
Funktionen
weiterlesen
zu Rennaissance/Ausbau 09.09.2010Höhere Lasten für Atomkonzerne Eine Vereinbarung, die Rätsel aufgibtHat sich die Bundesregierung von der Atombranche bei den Verhandlungen zur Laufzeitverlängerung über ... - [mehr]09.09.2010 Regierung will Vereinbarung mit Akw-Betreibern veröffentlichen Die Bundesregierung will ihre bislang unter Verschluss gehaltene Vereinbarung mit den Betreibern von ... - [mehr] 08.09.2010 Forderung nach Ausgleich für Brennelementesteuer Nach dem Atom-Kompromiss der schwarz-gelben Koalition wird in den Ländern der Ruf nach einem finanzi ... - [mehr] 08.09.2010 Karten offen legen Sieben Schweizer Stromkonzerne sind an insgesamt 70 ausländischen Kraftwerkprojekten beteiligt. Zum ... - [mehr] 07.09.2010 Saarbrücker Zeitung: DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert fordert nach Atombeschluss Stopp des Baus vonKohlekraftwerken - Preise werden nicht sinken Berlin / Saarbrücken. (ots) - Die DIW-Expertin Claudia Kemfert hat den Atomkompromiss der Bundesregi ... - [mehr] 07.09.2010 Rheinische Post: DIW lobt Regierung für Atom-Kompromiss Düsseldorf (ots) - Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung(DIW) hat den Atom-Kompromiss der K ... - [mehr] 07.09.2010 Institut: 127 Milliarden Euro mehr für Stromkonzerne Freiburg/Berlin (dpa) - Die vier großen Energiekonzerne RWE, Eon, EnBW und Vattenfall können nach ei ... - [mehr] 07.09.2010 Kernenergie - einzige Alternative zu Kohle und Gas - Putin Die Gasnachfrage auf dem Weltmarkt wird weiter zunehmen und eine Alternative zu fossilen Brennstoffe ... - [mehr] 07.09.2010 Merkel: Atomwirtschaft muss Großteil der Gewinne abgeben Kanzlerin Angela Merkel wehrt sich gegen den Eindruck, dass die Atomwirtschaft ihre Gewinne durch di ... - [mehr] 07.09.2010 Merkel widerspricht Befürchtungen der Stadtwerke bei Atom-Laufzeiten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Befürchtungen der städtischen Energieversorger widersprochen ... - [mehr]
oft gelesen 24.08.2010Ziviler Ungehorsam gegen Castor-Transport - Die Schotter-Kampagne
Mit massenhaftem Ungehorsam wollen linke Gruppen den Castor-Protest zuspitzen. Beim Castor-Transpo ... - [mehr]23.08.2010 Kolumne: Andreas Theyssen - Die Atomfarce Der Kampf der Wirtschaft für die bedrohte Lebensform Atomkraftwerk wird immer absurder. Die Energiek ... - [mehr] 23.08.2010 Wie hoch ist das ´Restrisiko´ bei alten AKWs? In dem SAT.1-Event-Film erlebt Ulrike Folkerts den GAU Wie sicher sind in die Jahre gekommene Atomkraftwerke? Sollte ihre Laufzeit wirklich verlängert werd ... - [mehr] 23.08.2010 Energieversorgung - Greenpeace verklagt Wirtschaftsministerium Bricht der Wirtschaftsminister deutsches Recht? Davon ist Greenpeace überzeugt. Brüderle halte einen ... - [mehr] 22.08.2010 BDI: Energievergangenheit für Deutschland Sie müssen wirklich mächtig Fracksausen haben, die Herren in den Chefetagen der vier Akw-Betreiber E ... - [mehr] 08.08.2010 AKW-Laufzeitverlängerung: Bundesregierung treibt Gesellschaft in neuen Fundamentalkonflikt Weiterer dynamischer Ausbau Erneuerbarer Energien und Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke schlie ... - [mehr] 07.08.2010 Endlager: Australiens nukleare Welt-Müllhalde Australische Regierung will im Zentrum des roten Kontinents ein Endlager für Atommüll einrichten - a ... - [mehr] 07.08.2010 Endlager: Australiens nukleare Welt-Müllhalde Australische Regierung will im Zentrum des roten Kontinents ein Endlager für Atommüll einrichten - a ... - [mehr] 07.08.2010 BN Bayern: «Der Sofortausstieg aus der lebensbedrohenden Atomkraft ist möglich» Der Bund Naturschutz in Bayern (BN) wirft der Landesregierung Wettbewerbsverzerrung durch das Zuscha ... - [mehr] 07.08.2010 Frankreich: Atomkraftwerk in Cattenom macht Umweltministerium Sorgen Allein der dritte Block fiel wegen technischer Probleme monatelang aus - Borger gegen Laufzeitverlän ... - [mehr] |
|
|
tweets
Termin der Woche: 11.9: Anti Atom Demo Darmstadt

Atomkraft? Nein Danke
contratom setzt sich für den Schutz und Erhalt aller Urheber- und Markenrechte am Logo des Widerstands gegen Atomkraft ein.
 (R)
Wir empfehlen





|